Tatsächlich ernannte der neue IBM-Konzernchef Louis Gerster seinen deutschen Statthalter Anfang dieses Jahres zum Präsidenten der Pariser Europazentrale. Der hemdsärmelige Gerstner war vom US-Nahrungsmittelmulti Nabisco an die Spitze des in schwere Ertragsturbulenzen geratenen Computergiganten gerufen worden. In strikter Abkehr von der alten Führungsphilosophie verpaßte der Troubleshooter der IBM eine zentralistische Organisation, die den weltweit agierenden Regionalmanagern nur noch wenig Entscheidungsfreiraum ließ. Nach nur wenigen Wochen war Hans-Olaf Henkel klar, daß seine Tage bei IBM gezählt sein würden.

Schon im Frühjahr 1994 weihte er BDI-Präsident Necker, Mitglied des Aufsichtsrates bei der deutschen IBM, in seine Veränderungspläne ein. Der meldete sich wenig später wieder und fragte Henkel, ob er sein Nachfolger werden wolle. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Nach einem Ausscheiden bei IBM hätte Neckers Kandidat keine „standesgemäße“ Führungsposition gehabt, ein entscheidendes Handicap nach dem Anforderungsprofil der „Königsmacher“.

Also suchte Necker weiter und überredete den Chef der Hamburger Holsten Brauerei, Klaus Asche, zur Kandidatur. Zwei Tage später ließ Henkel den BDI-Präsidenten plötzlich wissen, daß er für die Nachfolge zur Verfügung stehe und mit der inzwischen vereinbarten Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes bei IBM Deutschland auch den nötigen industriellen Background habe. Der BDI hatte plötzlich zwei Kandidaten. Obwohl Henkel Neckers erste Wahl gewesen war, entschied sich eine unter der Leitung des BDI-Präsidenten stehende Findungskommission für Asche, bevor sich die Vizepräsidenten Ende September über das Kandidatenvotum hinwegsetzten und statt Asche Hans-Olaf Henkel nominierten.

Außer seiner größeren Bekanntheit und seiner internationalen Erfahrung als Spitzenmanager eines der mächtigsten High-Tech-Imperien kam Henkel nicht zuletzt sein jahrelanges öffentliches Engagement zugute. Im Einklang mit der IBM-Philosophie, sich als multinationaler Konzern in jedem Land als good Citizen zu verhalten, spielte er – lange bevor seine BDI-Präsidentschaft in Sicht war – speziell beim Thema „Industriestandort Deutschland“ mit Tyll Necker diskret die Bälle hin und her.

Vor allem jedoch engagierte er sich beim wirtschaftlichen Aufbau im Osten. Henkel ließ sich 1990 in den Verwaltungsrat der Treuhandanstalt berufen, beriet DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere und arbeitete in engem Kontakt mit Kurt Biedenkopf ein der früheren Berlin-Förderung ähnliches Modell zum Anreiz von Investitionen in den neuen Bundesländern aus. Anstelle der von Bonn eingeführten Zulagen empfahl er steuerliche Präferenzen für die industrielle Wertschöpfung vor Ort. Allerdings blieben seine Vorschläge ohne Resonanz.

In einer Art Alleingang verlegte Henkel, der ein Stück der Berliner Mauer im Garten seines Landhauses in der Normandie aufstellen ließ, den Sitz der deutschen IBM-Holding im letzten Jahr an die Spree. Wie für Ostdeutschland im allgemeinen, so sieht er auch die wirtschaftliche Zukunft für Berlin weniger optimistisch als viele seiner Managerkollegen. Es gibt ihm zu denken, daß die Arbeitslosenquote im Westteil der Stadt Ende Oktober mit 13,6 Prozent höher als im Ostteil (11,7 Prozent) war. Vor allem in Berlin, wo vor genau 84 Jahren die Deutsche Hollerith-Maschinen GmbH als Vorgängerin der deutschen IBM gegründet worden war, will der neue BDI-Präsident künftig denn auch aktiv werden.

Neben seinem Amt als IBM-Oberaufseher ließ er sich von Bürgermeister Eberhard Diepgen für die arbeitsaufwendige Funktion des Aufsichtsratschefs der Berlin-Brandenburg Flughafen Holding GmbH keilen. Der vom Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg getragenen Gesellschaft unterstehen nicht allein die drei Berliner Flughäfen Tegel, Tempelhof und Schönefeld, sondern obendrein das Jahrhundertprojekt eines neuen Großflughafens für die Hauptstadt. Henkel, der die Politiker wegen ihres zögerlichen Umzugs nach Berlin im letzten Jahr heftig kritisierte, will mit seinem BDI so schnell wie möglich mit gutem Beispiel vorangehen.