FILDERSTADT. – Michael Blume träumt einen unter Jugendlichen seltenen Karrieretraum: Der achtzehnjährige Schüler will später einmal "richtiger" Politiker werden. Seit einem Jahr probt er diesen Ernstfall. Im Dezember 1993 wurde er in den Jugendgemeinderat von Filderstadt gewählt und versucht seitdem, die Interessen der Jugend in die Kommunalpolitik seiner südlich von Stuttgart gelegenen Heimatstadt einzubringen. "Eine tolle Sache", sagt der Jungrat. "Im Jugendgemeinderat können wir den erwachsenen Politikern mal richtig unsere Meinung sagen und gleichzeitig auch etwas bewegen."

Jugendgemeinderäte sind eine relativ neue Form, junge Menschen an der Kommunalpolitik zu beteiligen. In Baden-Württemberg, Vorreiter bei der Einrichtung von Jugendgemeinderäten, können von 1100 Gemeinden allerdings nur 21 damit aufwarten. Doch die Zahl der Jugendvertretungen hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt.

Alle Filderstädter Jugendlichen im Alter von vierzehn bis siebzehn Jahren wählen seit 1987 im zweijährigen Turnus zwanzig Altersgenossen in den Jugendgemeinderat. Bei dessen offiziellen Sitzungen kommt auf die Tagesordnung, was die Jungräte vorschlagen. Die Themen ranken um Umweltschutz, Schule, Jugendarbeit und allgemeine Gemeindepolitik. Stolz zählt Michael Blume die bisher größten Erfolge auf, die sein Parlament in den letzten sieben Jahren errungen hat: Die Fußgängerzone in Filderstadt war die Idee der Jugendräte, Radwege wurden auf ihre Initiative hin gebaut. Und durch intensive Wahlwerbung schnellte die Wahlbeteiligung von anfangs 27 Prozent hoch auf 42 Prozent bei der letzten Wahl. "Politikverdrossenheit bei Jugendlichen? Nicht hier. Nicht in Filderstadt", analysierte daraufhin die regionale Zeitung Sonntag Aktuell

Wolfgang Berger sieht in den Jugendgemeinderäten "eine herausragende Möglichkeit, die Interessen vieler Jugendlicher in die Kommunalpolitik einfließen zu lassen". Der Leiter des Referats "Außerschulische Jugendbildung" der Landeszentrale für politische Bildung begleitet und fördert die Jugendräte seit ihren Anfängen. Doch er warnt auch davor, sie als "Königsweg zur Aktivierung Jugendlicher" zu sehen. Seine Erfahrungen zeigen, daß nur wenige der bisher eingerichteten Jugendgemeinderäte dem Erfolgsmodell in Filderstadt folgen können.

Probleme gibt es immer dann, wenn diese nur halbherzig in die kommunalpolitischen Strukturen integriert werden. Beispiele aus der Praxis zeigen, daß sie häufig zuwenig Unterstützung erhalten. Ob Friedrichshafen, Kirchheim/Teck, Rechberghausen oder Bad Wimpfen – überall klagen die jungen Leute: "Wir reden viel, aber am Ende hört doch keiner auf uns." Anträge kommen kommentarlos abgelehnt aus den Gemeinderäten zurück. Den jugendlichen Politikern fehlen Kontaktpersonen in der Stadtverwaltung und ein eigener Etat. Sie beschweren sich, keine Entscheidungen fällen zu dürfen, das letzte Wort hätten immer die Erwachsenen. Zu oft erfüllten sie nur eine "Alibi-Funktion" für die Politiker, damit diese sagen könnten, sie hätten etwas für ihre Jugend getan.

In Filderstadt verblassen diese Kritikpunkte. Dort hat sich der Gemeinderat verpflichtet, jeden Antrag seines jungen Pendants zu übernehmen und zu diskutieren. Jugendräte dürfen an nichtöffentlichen Sitzungen des Gemeinderats teilnehmen und haben Rederecht. Ihnen steht ein kleiner Etat von 9000 Mark zu Verfügung, eine Angestellte der Stadt ist ihr ständiger Ansprechpartner. Sprecher des Jugendgemeinderates haben einen Schlüssel für das Rathaus, dürfen Computer, Kopierer und Telephone benutzen. Und im Amtsblatt der Stadt kann der Jugendgemeinderat seine Meinung veröffentlichen.

Die Parteien klagen gerne über Nachwuchssorgen. Anders in Filderstadt. Dort setzte die SPD bei der letzten Kommunalwahl im Juni gleich zwei ehemalige Jungräte auf ihre Liste. Einer von ihnen, Martin Fischer, ist jetzt mit neunzehn Jahren das jüngste Gemeinderatsmitglied.

Doch nicht immer gelingt es den Parteien, die Jugendlichen für sich zu gewinnen. Oft sitzt der Verdruß tief über die Politik der Alten. Und er treibt ganz neue Blüten: Vielleicht macht ein Beispiel Schule, das in Weil am Rhein seit Monaten für Furore sorgt. Dort gründeten Mitglieder des Jugendgemeinderats und des Stadtjugendrings eine eigene Wählervereinigung, um ihren Ideen stärkeres Gewicht zu verleihen. Bei den eingesessenen Parteien entlockte das Junge Forum vor der Kommunalwahl im Juni nur ein mildes Lächeln. Doch es zog mit 9,4 Prozent der Wählerstimmen in den Gemeinderat ein und erhielt mit vier Sitzen auch gleich Fraktionsstatus. Lucian Haas