In den siebziger und achtziger Jahren haben sich Generationen von Filmjournalisten, kritikern, Wissenschaftlern von ihren "Filmtips für München" inspirieren, irritieren, instruieren also: beleben und belehren lassen. Sie schrieb Texte, die sich trauten, aus lauter Highlights und Poesie zu bestehen; sie arbeitete mit Spannungen, wie sie in Haikus entstehen aus dem Umschlag von bloßer Beobachtung in wahre Erkenntnis. Ihre Filmtips sind Kritik in reinster Form. Frieda Grafes kurze Notizen über das wöchentliche Filmangebot in München, geschrieben zwischen 1971 und 1986 in der Süddeutschen Zeitung, gaben mehr Aufschlüsse über Kino und waren spannender als die meisten langen Filmrezensionen. Sie selbst pflegte ihre Arbeit gelegentlich, ein wenig kokett, als "Werbung" zu charakterisieren, eine Werbung im besseren Sinn allerdings, die beim Leser die Lust am Text, die Lust an und auf Gedanken voraussetzt. Ihre verspielten Hinweise auf ästhetische und historische, psychologische und philosophische Implikationen der Filme funktionierten ein wenig wie die Bilder bei Robert Bresson. Sie sollen Gedanken und Gefühle nicht darstellen, sondern begreifbar machen durch das Wechselspiel aufeinanderfolgender Sätze: "Erste sprachliche Formulierungen" für Dinge, die sich "vor unseren Augen organisieren unabhängig von dem, was wir denken können "

Ihre berühmten Gedankensprünge sind wie die Ellipsen bei Lubitsch, sie haben "die Funktion, Dinge noch deutlicher zu sagen, als wenn sie ausgesprochen würden". Und ihre pointierten Fragmente wirken wie die verspielten, kreiselnden Episoden bei Max Ophüls. Sie zeigen, "wie Nebensächlichkeiten plötzlich Hauptaktionen werden, wie Pathetisches mitten im Frivolen auftaucht, sich mit jeder weiteren Bemerkung akkumuliert". Sie läßt ihre Wörter "tanzen und tanzen, als einzige Möglichkeit der Verausgabung ihrer Gefühle".

Ganz ohne Zweifel war sie der Star jener bundesdeutschen Kritikerszene, die nicht an Erfolg und Urteilen interessiert war, sondern an nachdenklicher Reflexion: an ideologischer Spurensuche und ästhetischer Erkenntnis "Den Rhythmus der Dinge ändern, das könne nur das Kino, hat Chaplin gesagt Wie das Kino dies erreicht und was es dadurch auslöst, dem versuchte sie Film für Film sich zu nähern. Zu Fritz Längs "Der müde Tod" schrieb sie 1976: "Am Anfang war das Kino gar nicht so sehr interessiert daran, die Realität unmittelbar wiederzugeben. Seine Regisseure waren magisch angezogen von dem Tor, das sich auftat zu bis dahin ungesehenen Welten Und 1986 zu "Colorado Territory" von Raoul Walsh: "Wie ein Mann einen Raum betritt, sagt Walsh, das läßt sich nicht auf fünf verschiedene Arten drehen. Seine lakonischen Bilderfolgen sind Kino so pur wie Flauberts Kampf ums einzig richtige Wort "

Die Wirkung ihrer Arbeit hierzulande ist ablesbar bis auf den heutigen Tag: Die jüngeren Filmkritiker, die heute die Feuilletons beherrschen, sind leicht zu trennen zwischen Grafe Rezipienten und Grafe Ignoranten. Wer die Anstrengung scheute, sich mit ihren Texten auseinanderzusetzen, arbeitet deutlich dünner und dümmer. Das schließt die Kölner Werbeschreiber für Hollywood genauso ein wie die Frankfurter Nörgler am Illusionskino ganz allgemein.

Frieda Grafe schrieb über das Kino, als ginge es um letzte Fragen künstlerischer Phantasie, und über Kunst, als ginge es vor allem um alltägliche Fragen filmischen Handwerks. Filme waren für sie das ästhetische Material, über das sie den kulturellen Stand der Dinge definierte. So 1981 zu Veit Harlans "Opfergang" von 1944: "Ein genuines Melo, in dessen morbiden Farben, frühes Agfacolor, Untergangsstimmung sich ausbreitet, mit langen, aktionslosen Nah- und Großaufnahmen, in die Gefühl sich ergießen kann. Der starre Rahmen eines Hamburger Bürgerhauses gegen endlose Ritte an weiten Stranden. Und Leidenschaft, die um so röter ist, weil vom Tod gezeichnet " Abschließende Urteile über Filme haben sie nie interessiert. Eher Annäherungen an Unbekanntes. Oder ungewöhnliche Fragen an scheinbar Gesichertes. Oder entlegene Zitate, die ein neues Licht auf Bekanntes werfen. Zu Pi ratenfilmen zitiert sie aus Gaston Bachelards "Das Wasser und die Träume": "Imagination ist nicht die Fähigkeit, Bilder von der Realität zu schaffen, es ist die Fähigkeit, Bilder zu schaffen, die die Realität hinter sich lassen "

Das System Kino, das nicht allein über Geschichten und Stars wirkt, sondern mit all seinen Mitteln: mit Farbe und Format, Mode und Architektur, mit Tat und Geste einen ständig neuen Raum abenteuerlicher Erfahrungen schafft, dem gilt ihre Neugierde - und ihre "Wollust der Sprache" (Roland Barthes). Er mache "überzeugende Bilder von Dingen, die kein normaler Mensch" sehe, schrieb sie 1983 über Luis Bunuel. Das ist ein Satz, der gut paßt zu ihrer eigenen Arbeit Auch ihr gelingen überzeugende Sätze zu Filmen, die kein normaler Mensch denkt.

Ein Fazit ihrer Arbeit sehe ich in den Anmerkungen, die sie 1973 zu Douglas Sirk wagte: Da ist der Hinweis darauf, wie das Nebensächliche zur Irritation führt - und wie gerade das dem ZuschauerLeser den aktiven Zugang ermöglichen kann "Sehen und doch nicht sehen, weil dem Augenschein trauen schon bedeutet, mit Blindheit geschlagen zu sein. Die Sprache, die Texte, die Dialoge sind der Schritt beiseite, der den Bildern den ambivalenten Sinn gibt und dem Zuschauer eine faire Chance im Spiel miteinräumt "

Herausgegeben von Fritz Göttler und Heiner Gassen; Verlag KinoKonTexte, München 1993; n p, mit Filmregister und zwei unveröffentlichten Texten, 24 - DM