Zur besten Sendezeit läßt das ZDF sein Publikum an der Suche nach einem Weltwunder teilnehmen, das seit 1945 verschollen ist: dem Bernsteinzimmer, das der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt hatte ("Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer", von Ulrich Lenze und Nina Steinhauser, 11. Dezember 1994, 19.30 Uhr). Zwei Jahre lang ist das Filmteam allen Spuren nachgegangen. Manches, was der Münchner Maurice Philip Remy vor einigen Jahren in einem aufregenden Film zum erstenmal zeigte, dürfen wir nun auch hier bestaunen: russische Akten aus dem KGB-Archiv, eine Suchaktion im Eiskeller der Königsberger Ponarth-Brauerei, Ausschnitte aus einem polnischen Gefängnisinterview mit dem ehemaligen ostpreußischen Gauleiter Erich Koch. Die Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen und erlahmt bei den trostlosen Taucherszenen am leeren, muschelbesetzten Wrack der Wilhelm Gustloff.

Wer von den vielen Schatzsuchern berichten will, kommt an dem Obstbauern und ZEIT-Mitarbeiter Georg Stein nicht vorbei. Aber wozu mußte man ein Polizeiphoto von seiner Leiche zeigen? Statt seinen Selbstmord in ein Geheimnis zu hüllen, hätte ein Anruf in Hamburg genügt, um die tragischen privaten Motive zu erfahren. Mystisches Geraune soll offensichtlich Hitchcock-Atmosphäre erzeugen, zum Beispiel "ein Grab ohne Leiche". Will man etwa suggerieren, der Museumsdirektor Alfred Rohde, dem in Königsberg das Bernsteinzimmer anvertraut war – er ist in der russisch besetzten Stadt Hungers gestorben sei vom KGB, von Räubern oder Nazis beiseite geschafft worden? Ein Unsichtbarer, so hören wir, zieht die Fäden.

Angetippt werden die Versionen über den Verbleib der Schatzkisten: verbrannt, versunken, vergraben, nach Übersee verschleppt; erwähnt werden einige vermutete Fundplätze: der abgesoffene Kalischacht in Volpriehausen, das Ersatz-Führerhauptquartier im Jonastal, das Gauforum in Weimar, wo auch die zusammengeraubte Kunstsammlung des Gauleiters Koch gelagert haben könnte. Der Weimarer Schatzsucher Hans Stadelmann ruft aus der Finsternis der Kasematten: "Wir wissen, daß es hier gelegen hat." Er weiß es natürlich nicht, sondern glaubt es nur. Mehr als vermuten kann selbst der ehemalige KGB-Chef Bobkow nicht

Wenn schon die Kamera das Geheimnis nicht enthüllt, hätten die Autoren wenigstens die Akten genau lesen sollen. Das Bernsteinzimmer wurde nicht von der SS abgebaut, sondern von Soldaten der 3. Kompanie des Nachschubbataillons 553. Die SS hat andere Schätze aus den Zarenschlössern geholt Aber das Thema des allseitigen Kunstraubs im und nach dem Zweiten Weltkrieg lassen die Autoren außen vor. Statt dessen präsentieren sie am Ende den Schatzsucher Heinz Schön, der jahrzehntelang das Bernsteinzimmer auf der Wilhelm Gustloff vermutete. Nun weiß er, wo es wirklich liegt irgendwo zwischen Königsberg und der Ostsee. Volkssturmmänner sollen die Kisten im Moor versenkt haben. Einer kehrte aus der Gefangenschaft zurück, und der hat es, ehe er starb, dem Heinz Schön erzählt. So oder ähnlich sind unzählige Bernsteinzimmer-Geschichten gestrickt. Warum hat das ZDF da nicht gleich die Märchenstunde dafür ausgesucht? Karl-Heinz Janßen