Von Katharina Döbler

Frühling 1933: Thomas Mann hat beschlossen, von seiner Reise in die Schweiz nicht nach Nazideutschland zurückzukehren. Seine älteste Tochter Erika tarnt sich mit einer dunklen Brille und rast mit ihrem Sportwagen nach München, um die Manuskripte und Materialien für den dritten Band des „Joseph“ zu retten. Sie schleicht sich in das Haus der Familie, rafft die Papiere zusammen und macht sich bei Nacht und Nebel wieder aus dem Staub. Golo Mann pries diese töchterliche Heldentat als „von all ihren Lebensleistungen die bedeutendste“.

Das etwas schiefe Bild der Erika Mann als ergebene Tochter und Schwester, die ansonsten wenig zu bieten hätte, rückt die Berliner Germanistin Irmela von der Lühe in der ersten Biographie der ältesten Mann-Tochter mit Nachdruck zurecht.

Von der Erika-Legende, an der die ganze Sippschaft, und auch Erika Mann selber, mitstrickte, bleibt darin wenig übrig: Als Erika und Klaus am 12. März in München ihre Koffer für das Exil packten, nahmen sie Vaters Manuskripte selbstverständlich mit – zumal die beiden ihn zuvor überzeugt hatten, daß es besser sei, in der Schweiz zu bleiben. (Erika an Klaus: „Uns ist bei unserer Jugend eine große Verantwortung aufgeladen in Gestalt unseres unmündigen Vaters.“)

Erika Mann spielte nach Ansicht ihrer Biographin ihre Rolle in der Familie sehr souverän – die väterliche Berühmtheit scheint sie, im Gegensatz zu Klaus, keineswegs bedrückt zu haben. Als eine Frau, die Öffentlichkeit suchte und brauchte, die gern forsch auftrat und den Schritt ins Fettnäpfchen nicht scheute, nutzte sie zielbewußt den illustren Namen.

In jungen Jahren, in den wilden Zwanzigern, brillierte Erika Mann mehr oder weniger als Schauspielerin, Rennfahrerin und Verfasserin launiger Kolumnen und Reiseberichte, die sie gemeinsam mit Bruder Klaus schrieb und die Ergebnis und Begründung großmäuliger Selbstdarstellungen der „literarischen Mann-Zwillinge“ waren. Man zeigte sich, verkehrte überall auf der Welt mit wichtigen und interessanten Leuten, rebellierte ein wenig gegen die „Greise“ und machte als Skandaltruppe von sich reden, die von Klaus verfaßte Theaterstücke aufführte und vom Ruch sexueller Entgleisungen umgeben war. Die rechte Presse schoß sich auf die Mann-Tochter ein, vor allem nach dem Debüt ihres sagenumwobenen Kabaretts „Die Pfeffermühle“ Anfang 1933.

Im Exil, erst in der Schweiz, auf Tournee mit der „Pfeffermühle“ durch Europa und später in den USA, lief Erika Mann zu kämpferischer Höchstform auf – und bewies eine politische Weitsicht. Als Vortragsreisende überall im Land unterwegs, verwendete sie ihre Energie darauf, die Amerikaner gegen das Hitlerregime zu mobilisieren. Sie schrieb Bücher wie „School of Barbarians“, auf deutsch „10 Millionen Kinder“, in dem sie in der ihr eigenen populistischen Weise das nationalsozialistische Erziehungssystem portraitierte. Nebenbei begleitete sie Thomas Mann bei öffentlichen Auftritten, gab Interviews für ihn, sorgte dafür, daß er politisch auf dem laufenden blieb. (Tagebuchnotiz Thomas Manns: „Frühstück mit Erika. Viel Politik sogleich.“)

Auffallend in seinen Briefen und Tagebüchern ist die für Thomas Mann nicht gerade typische Wärme, mit der er von der Tochter spricht. Über dieses enge und von beiden Seiten sehr respektvolle Verhältnis verliert die Biographin nicht mehr Worte als unbedingt nötig. Ohnehin befleißigt sie sich einer auffälligen Zurückhaltung, was das Privat* und Seelenleben der Erika Mann betrifft. Kritisch und vorsichtig geht sie mit dem Material um, stützt sich nur auf schriftlich Belegbares, viel davon aus Erika Manns eigener spitzer Feder. Aber: „Es gibt keine Tagebücher und keine Autobiographie, die Auskunft erteilen könnten. Es gibt unzählige Briefe, an den Vater, die Eltern, den Bruder Klaus, die Freundinnen... Aber es ist immer das gleiche: Rückzug hinter die Mauern der Ironie, Auskunft aus der sicheren Bastion amüsanter Anekdoten; Flucht in Geschäftigkeit und Hektik, wiederholt im fließend-atemlosen Erzählen. Schreiben und reisen, streiten, wieder schreiben, reden und wieder zu neuen rhetorischen Schauplätzen aufbrechen. So ging es Woche um Woche, Monat für Monat, seit Jahren ging es schon so.

Das Ergebnis solcher politischen Betriebsamkeit ist, daß sich das FBI für sie interessiert. Aus dem Dossier der Hoover-Behörde, das übrigens bis heute nicht vollständig für die Forschung freigegeben ist, destillierte der Exilforscher Alexander Stephan (in der Zeitschrift NDL Nr. 7/93) das reißerische Portrait einer IM des FBI, was dann prompt verkürzt unter der Formel „Erika Mann bespitzelte ihren Vater“ durch die Presse ging. Die Biographie geht auf diese Akte ausführlich ein, kommt aber zu anderen Schlüssen. Erika Mann erhielt während ihrer Vortragsreisen häufig mit Hakenkreuzen verzierte Drohbriefe und bot dem FBI – im Kriegsjahr 1940 – Informationen über „German Matters“ an. Ob das FBI auf ihre Hinweise (auf mögliche Nazispitzel) einging, geht aus der Akte nicht hervor: Berichte von ihrer Hand gibt es nicht, auch keine wörtlichen Zitate in Gesprächsprotokollen. Auch über den Vater nichts, was nicht ohnehin aus Interviews bekannt war: etwa die Versicherung, er sei gewiß kein Kommunist. Von einer Spitzeltätigkeit für das FBI, findet die Biographin, könne man da nicht sprechen – im Gegenteil: Die Akte enthält zu neunzig Prozent Informationen über Erika Mann, die unter dem Verdacht stand, sexuell pervers und Komintern-Agentin zu sein. Ihre Post wurde kontrolliert, im Bekanntenkreis wurden Erkundigungen eingezogen. Entnervt und empört zog die einstige Kriegskorrespondentin in amerikanischer Uniform 1951 den Einbürgerungsantrag zurück.

Die Erika Mann, die dann nach Europa zurückkehrte – nicht nach Deutschland, sondern, wie die Eltern, in die Schweiz –, lernt man dann hauptsächlich als Nachlaßverwalterin kennen: als eine ziemlich streitbare Nachlaßverwalterin, die das Erbe ihres Vaters und ihres Bruders wie ein Zerberus bewachte und vor jeder Kritik in Schutz nahm. Eine Geschichte der „Pfeffermühle“, die sie wohl gern geschrieben hätte, mußte zurückstehen hinter der Edition der Briefe ihres Vaters, die sie mit aller töchterlichen Besorgnis um den väterlichen Ruf und Ruhm betreute.

„Ich bin nur noch ein bleicher Nachlaßschatten“, schrieb sie an einen Freund. Sehr schattenhaft wirkte sie allerdings nicht, als sie im Fall Janka zu dessen Gunsten intervenierte oder sich in dem bekannten Streit um die Edition von Klaus Manns Mephisto-Roman noch einmal mit aller Kraft ins Getümmel warf. Sie starb 1969, gerade spät genug, um die Renaissance der Werke ihres Bruders noch zu erleben.

Das schwierige Verhältnis Erika Manns zu Deutschland und den Deutschen scheint bis heute auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Aber mit dieser diskreten Biographie ist – trotz aller wissenschaftlichen Zurückhaltung, die sich die Autorin auferlegt hat – hoffentlich die Neugier geweckt: nicht auf ein weiteres verkanntes Genie der Mann-Sippe, sondern auf eine bissige Kommentatorin und eigensinnigen Frau, die in Tausenden von uneditierten Briefen, in ihren Artikeln und Reportagen noch zu entdecken sein wird.

  • Irmela von der Lühe:

Erika Mann

Eine Biographie; Campus Verlag, Frankfurt am Main; 350 S., 49,– DM