Von Peter von Becker

Wachen dämmern fliegen – in Gedanken, Erinnerungen und Träumen. Eine Dame, offenbar aus dem weißen Westen, legt sich auf eine Bastmatte vor ihr fernöstliches Domizil, und hinter einer der sieben Schiebetüren des ebenerdigen japanischen Holzhäuschens tut sich ein Spiegel auf, darin die Liegende sich vielfach fortträumt, zurück in die Vergangenheit. Ein Reigen erwachsener Gestalten, alle mit Koffern, zieht durch die kleine Spiegelwelt, nur ein junges Mädchen bleibt stehen; es trägt einen Geigenkoffer und noch Kniestrümpfe, eine Schleife im Haar und einen Judenstern auf der Brust. Später trifft es auf einen Herrn mit Hut und schwarzem Anzug, und der mißt das Mädchen mit einem Zollstock. "Ich muß sehen, ob du in eine Kiste paßt."

Der Herr im Anzug hat einen rosa Winkel am Revers. Er sagt, ich bin ein Zauberer und will dich verstecken vor dem Publikum. Verstecken in einer Kiste hinter einem Spiegel. Ein Trick. "Sind alle Menschen, die verschwunden sind, hinter einem Spiegel versteckt, auch mein Vater und meine Mutter?" möchte das Mädchen wissen. Der Zauberer mit dem rosa Winkel lacht. Als er das Mädchen verzaubert, fragt er das unsichtbare Publikum, wo ist sie nur, Damen und Herren, "ist sie mit dem Zug verreist?" Oh, "nur ein Späßchen!" Da zaubert er die Kleine wieder hervor, und Beifall rauscht aus dem Dunkel.

Wie ein Spinnweb geht ein Stück Stacheldraht durch den Spiegel. In diesem Kabinett aus Glas und Nacht und wechselndem Licht begegnet das Mädchen auch einer Sängerin, einer blonden Schönheit mit dem gelben Stern, die besitzt ein Kostüm, einen Kimono, und singt manchmal: singt und erzählt die Geschichte einer japanischen Frau, die einen Amerikaner liebt, mit ihm ein Kind hat, das nehme ihr der Mann dann weg, "weil es eine andere Rasse ist"; zum Schluß begehe die Japanerin Selbstmord. Als Männer in deutschen Uniformen etwas von "Transportscheinen" schreien, schminkt und kostümiert sich die schöne Sängerin noch einmal als Butterfly, es wird ihre Abschiedsarie ("Non saperlo mai"); und stolz, nun eine Kriegerin und Königin, kehrt Butterfly sich um, tritt geisterhaft durch einen zweiten Spiegel. Gerettet ins Reich der Kunst?

Als auch das junge Mädchen durch diesen Spiegel will, ist es ein Schock. Sie sieht bloß die Beine der Sängerin: in ihrem Alltagskleid, einen Meter überm Boden baumelnd. Ein Grab in den Lüften.

Alice, das Mädchen zwischen den Spiegeln und Zeiten, heißt Jana, ihr Land, ihr Ort Theresienstadt; und nur ein Wunder wird sie, versteckt in der Zauberkiste, überleben lassen. Auch die kleine Geisha aus Nagasaki, die für ihren amerikanischen Mister Pinkerton nichts weiter war als ein flüchtiger Schmetterling, aber dank Giacomo Puccini zur ewigen Butterfly geworden ist, auch ihr Bild lebt weiter in diesem Theater. Ein Theater, das Menschen und Geschichten aus dem Kokon des 20. Jahrhunderts entspinnt und sie schmetterlingsleicht, mit Szenenwechseln oft wie Wimpernschlägen (durch Schiebetüren, Spiegelwände), über Epochen und Kontinente versetzt. So ist Jana vor ihrem Haus wieder erwacht: in Japan, wo sie fünfzig Jahren nach Theresienstadt und Auschwitz als Überlebende andere Überlebende photographieren will. Die Kinder und Kindeskinder von Hiroshima und Nagasaki...

Robert Lepage hat zusammen mit sieben Schauspielern aus seinem kanadischen Theaterzentrum "Ex machina" und einer Schweizer Sopranistin, Rebecca Blankenship, das imaginäre Lebensdrama der Tschechin Jana Çapek erdacht. Und von nun an wird das japanische Holzhaus mit den sieben Türen, Zauberschlag und Welttheaterbude des 36jährigen Regisseurs, Bühnenbildners, Theatergurus aus Quebec City, zwei Jahre lang um den Globus reisen. Als wachsendes Werk. "Les Sept Branches de la Rivière Ota" ist sein Titel; der siebenarmige Ota fließt durch Hiroshima, und sieben Stunden soll das 1996 zu vollendende Werk einmal währen. Gerade hat Robert Lepage seine Halbzeitfassung von dreieinhalb Stunden in Paris vorgestellt; nächstes Frühjahr wird man ungefähr diesen Stand der "Sieben Ströme des Flusses Ota" auch bei den Wiener Festwochen und vermutlich noch in ein paar deutschen Städten besichtigen können.

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Für Lepage war die Explosion der Bombe in Hiroshima das bisher "größte Blitzlicht" auf Erden, eine zweite "schwarze Sonne" nach den Feuern des Holocaust. Jana Çapek, die Photographin, arbeitet mit dem Flash, sucht als gebranntes Kind das Spiel mit dem Feuer, die flackernden Lichter, Bilder der Erinnerung; immer wieder drückt sie auf einen Selbstauslöser (welch unheimliches Wort). Blitzartig erhellt sich darauf das japanische Haus zum Gedächtnisraum: am wunderlichsten, witzigsten als filmnaturalistisch hergestelltes Badezimmer einer New Yorker Schwulen-WG aus den Fünfzigern. Immerzu geht die Tür, um Klo und Emaillewanne drängen unter einer grellen Glühbirne allerlei Beatniks, Fixer, Lebenskünstler, zwischen ihnen als eingekeilte respektierte Jungfrau das Emigrantenmädchen Jana, bisweilen in smartem Amerikanisch zur Kasse gebeten von einer treibeiscoolen Vermieterin (Anne-Marie Cadieux, eine Mischung aus Fanny Ardant und Hillary Clinton). Ihre nackte Existenz sichert sich Jana zunächst als Porno-Photomodell, und die zierliche Schauspielerin Marie Brassard balanciert auf dem Grat zwischen Sentimentalität und Spekulation. Mit kunstvoller Unschuld.

Ihr gealtertes Ego (Ghislaine Vincent) übrigens liebt, das scheint des Zufalls zuviel, die Tochter jener Sopranistin aus Theresienstadt, die nun ihrerseits singt und Konzerte gibt in jenem fernnahen Japan; und wenn eben dort an Janas sechzigstem Geburtstag auch noch ein reichlich jüngerer Mann ins Spiel kommt, Janas erster später Lover, und mit ihm die neue Sehnsucht und ältere Eifersucht, Hiroshima mon amour, dann fällt so mancher Regen übers kleine Tête-à-tête-Haus, Donner rollt und Wetter blitzen. Aber – das Feuerwerk als Liebeszauber hat hier zugleich eine zweite Bewandtnis. Was nichts als Kitsch bedeuten könnte, macht Lepage zum Zeichen der Komödie auch: des Spiels der Liebe, der Nacht und eines Irrtums der Vernunft. Bevor wir dies erzählen – nur ein Sprung. Von Paris und Hiroshima nach Stockholm, in den Himmel.

In den Theaterhimmel. Man findet ihn ganz oben im Olymp des Königlichen Dramatischen Theaters. Im ehemaligen Malersaal, dem kleinsten Raum des stolzen, vielgüldenen Künstlertempels, als dessen Hohepriester bis heute Ingmar Bergman gilt.

Ein Gewitter begrüßt uns auch dort, in einer Sternennacht, die nichts als ein würfelförmiges Raumschiff zu durchschweben scheint. Das ist, in all der Schwärze, das einzige Bühnenbild: ein schräg übers Eck hängender, an drei Seiten offener Kubus, der sich zu Blitz und Donner im bläulichen Sphärenschimmer um seine Achse zu drehen beginnt, als des Himmels höchste Tochter, Indras Kind, zur Erde niederfährt. So hebt, mit dieser Ouvertüre, August Strindbergs zum Auftakt des Jahrhunderts ausgedachtes "Traumspiel" an; für ein Theater der Irdischen ein kolossaler, schwerer Fall. Wie jeder Götter-Sturz.

Hier aber geschieht das Ungeheuerliche als das Phantastisch-Normalste. Indras Tochter (Francesca Quartey) macht einen Besuch im Raumschiff Erde, durch eine Deckenöffnung streckt sie einen Fuß, ein Bein nach dem anderen, spreizt wie eine Kathakali-Tänzerin ein wenig die bloßen Zehen zu sirrend indischen Flöten, später auch eher römisch-katholischem Glockenklingen, schlüpft in ein Paar rote Schuhe und wird auf ihrer sonderbaren, durch Gefängnisse, Theaterfoyers, Advokatenhaushalte und mancherlei Universitäten des Lebens und Sterbens huschenden Erdenfahrt von der Märchenfee bisweilen zum Aschenputtel, dann wieder zum Engel der Untröstlichkeit (ihre berühmte Klage: "Es ist schade um die Menschen").

Aber Robert Lepage, der "Ett Drömspel" noch Mitte November in Stockholm herausgebracht hat, macht aus dem indo-christlichen Mysteriendrama ein Werk der Luzidität: einen brillanten Alptraum. Durch je eine Bodenluke an den drei Wänden der nur etwa zweieinhalb auf zweieinhalb Meter messenden Spielfläche spukt, kriecht, tanzt, verschwindet der große Figurenreigen, Menschen kleben bei immer neuen Drehungen des Würfels manchmal wie Insekten an der Decke oder im Winkel der Wände, Projektionen schaffen sekundenschnell neue Schauplätze, bei Tischen, Stühlen, allerhand hin- und weggehexten Dingen wirkt die Schwerkraft wie aufgehoben – und man glaubt auch sich bald in jener konkret verdichteten und zugleich traumhaft geheimnisvollen Schwebe, in die Kafka, ein glühender Bewunderer Strindbergs, seine Figuren gebannt hat.

Der ewige Bräutigam, ein gefangener Offizier im "wachsenden Schloß", der Jahr für Jahr auf die Öffnung einer bestimmten Tür (zum’ Glück? zur Braut?) wartet, ihn hat Lepage in ein selbst wachsendes Kind verwandelt: ein von Alter zu Alter bis zur Vergreisung (und zweiten Kindheit) in Gestalt dreier Schauspieler sich doubelnder Soldat der Zeit – so viele die alte Fabel immerzu mit neuen Lebensgeistern bevölkernde Einfälle!

Am Ende gar wird Lepage, der szenische Poet, fast zum Philosophen: Strindbergs "Dichter", der letzte Geliebte der Göttertochter, verläßt das kubistische Himmels- und Erdraumschiff, das winzige wundersame Traumboot, mit dem dieser Inszenierung gleichsam die Quadratur eines Weltkreises gelungen ist. Der Dichter geht durch ein dunkles Wasser hinüber zum Publikum, während Indra gleich einer indischen Witwe im großen Feuer entschwindet. Hier bröckelt und brennt nicht bloß das Spukschloß, wie’s im Buche steht, der ganze Erdwürfel wird nun zum Höllenkäfig; es ist wahrhaftig Strindbergs Inferno. Und doch nur ein Purgatorium. Flash: Da steht als Projektion im leeren, weißen Raum des Dichters Hoffnungs-Blüte. Die blaue Blume des Erlösungstraums.

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Der Kern aller Kunst sei romantisch, sagt Robert Lepage. Wie Peter Handke. Seit dem Welterfolg seiner "Trilogie des Drachens" (1987, eine China-Variante des neuen Japan-Epos) wird Lepage als Theaterwunderkind und "kanadischer Robert Wilson" gerühmt. Sanft, entspannt, beredt, nennt er das Stockholmer "Traumspiel", eigentlich ein Nebenwerk, seine "vermutlich beste Inszenierung". Aber mit Wilson will er nur den Vornamen gemein haben, dessen Theater sei ganz "monolithisch", er selber hingegen ein kollektiver Träumer, Zusammenerfinder, ein Freund des Improvisierens, des working in progress.

Lepage: ein mittelgroßer Junge, mit einem freundlich gerundeten Gesicht. Alles Feuer in den Augen, unter dem wechselnd lockigen oder strähnigen Toupet. Über seine völlige Kahlheit gibt es die sonderbarsten Geschichten; eine lautet, nicht durch eine Erkrankung, vielmehr durch Autosuggestion habe er seine Haare verloren und in der Pubertät beschlossen, kein Gewächs aus seiner Haut heraus je wieder zuzulassen. Schauspieler, die im Münchner Residenztheater 1993 bei seiner Shakespeare-Traumtrilogie "Rapid Eye Movements" mit ihm geprobt haben, berichten auch da von seinen magischen Momenten, erzählen mit verblüffenden Beispielen, wie Lepage ihre Träume wider alle eigene Skepsis beeinflußt habe. Wie der junge Kanadier so vorspielen könne, daß keiner seiner Verwandlungskunst (Tier, Mensch, Ding zu sein) mehr nachzufolgen vermochte.

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Jetzt ist Lepage leibhaftig in Japan. Diese Woche hat in seiner Inszenierung ein Oratorium von Michael Nyman, dem Komponisten der Musik unter anderem zu den Filmen Peter Greenaways, im Tokioter Globe Theatre Premiere. Ein Shakespeare-Oratorium, und in Japan – wo der Regisseur im letzten Jahr bereits mit seinen grandiosen Miniaturversionen des "Sturm", des "Coriolan" und von "Macbeth" triumphiert hatte.

Treffen Shakespeare oder Strindberg mit Lepage zusammen, dann entzünden sich die Phantasien weit heftiger als bei der spielerischen Verquickung von Hiroshima und Holocaust.

Einmal freilich in jenem imaginären Japan treten die Personen als märchenhafte Bunraki-Puppen auf, ein uralter asiatischer Kaiser und ein junges Mädchen, das die Schergen des Imperators gefangennehmen. Das Mädchen wird in des Kaisers Bett gezwungen – als der Mann sich aber seines prächtigen Kimonos entledigt, zeigt das Puppenmädchen auf den greisen, beinahe fleischlosen Kaiserkörper mit seinem einsamen, so traurig wie komisch baumelnden Gemächte. Der Kaiser erschrickt. Nun gibt er Befehl, ein Aphrodisiakum herzustellen. Forscher grübeln, schütteln, mixen, dann explodiert das Labor. Man hat, aus Versehen, das Schießpulver erfunden. Diese größte kriegerische Gabe vor Erweckung der Atomkraft. Der Kaiser aber plant nur eine einzige Eroberung.

Wieder läßt er das junge Mädchen holen – und veranstaltet für sie ein Feuerwerk, das erste künstliche Himmelsleuchten. Kein Blitzlichtgewitter. Denn das Spiel vollzieht sich in völliger Stille, ohne das Wunder der Elektrizität; nur ein paar weiße Tücher tanzen durch die Nacht, als das Mädchen vor ihrem Liebhaber niedersinkt, lächelt; und leise von irgendwoher erklingen "Noises, sounds, and sweet aires", ein wunderlicher Lärm der Lüfte, wie es in Shakespeares "Sturm" einst hieß. Dieser Dreiklang ist auch der englische Titel des Oratoriums von Lepage und Nyman. Gestern in Tokio. Und vor morgen ist die Musik vielleicht auch bis zu uns gedrungen. In der Nacht, im Traum, wo sonst?