NERESHEIM. – Es war eine seltsam gemischte Trauergemeinde, die sich Anfang Oktober in der mit barockem Pomp ausgestatteten Klosterkirche bei Nördlingen zusammenfand: Benediktinermönche im schlichten schwarzen Ordensgewand, juwelengeschmückte Paradiesvögel aus den Restbeständen des europäischen Hochadels und mittendrin ein Trupp leicht angegrauter Rocker, grinsende Totenschädel und den Schriftzug "Savage Skulls" ("wilde Totenköpfe") auf den schweren Lederjacken. Der 92jährige Eremit, der da in die Klostergruft gesenkt wurde, mag im Sarg sardonisch, wie es seine Art war, über das unfreiwillige Familientreffen gelächelt haben.

Denn irgendwie gehörte er ihnen allen: Vor genau siebzig Jahren hatte Prinz Max Emanuel von Thurn und Taxis auf alle Privilegien und Erbansprüche verzichtet, um als Benediktinermönch für dauerhaftere Werte zu leben. Er hieß jetzt Pater Emmeram und verhinderte 1940 mit seinem souveränen Auftreten, daß die NSDAP-Kreisleitung die Abtei beschlagnahmte. 1951 ließen ihn seine Neresheimer Mitbrüder heim nach Regensburg ziehen, um dort das einstige Reichskloster Prüfening, im Besitz des Hauses Thurn und Taxis, wieder in ein geistliches Zentrum zu verwandeln.

Diesen Lebenstraum konnte er nicht verwirklichen, mit dem Fürstenhaus überwarf er sich heillos, aber in den Bikern vom Motorradclub "Savage Skulls" hat er richtige Freunde gewonnen, die für ihren Pater durchs Feuer gegangen wären: Seit er ihnen vor ein paar Jahren in seinem Einmannkloster einen Treffpunkt zur Verfügung stellte und argwöhnische Polizeistreifen verscheuchte, vergötterten sie den ansonsten schrecklich altmodischen Greis.

Eine ähnlich merkwürdige Allianz wie beim Requiem formiert sich jetzt gegen die Pläne des Fürstenhauses, die heruntergekommenen Klostergebäude einer gewinnträchtigen Verwendung zuzuführen: Der Neresheimer Konvent, die Regensburger Rocker und ein Freundeskreis von Charismatikern laufen mit Unterschriftensammlungen und Pressestatements Sturm gegen die Absicht, in den verwaisten Mauern ein internationales Forschungs- und Konferenzzentrum einzurichten.

Die Anhänger des Projekts können darauf verweisen, daß Emmeram lediglich Hausrecht in Prüfening genoß und daß etwa eine Akademie zur Erforschung von Krebs und degenerativen Erkrankungen – eine der diskutierten Nutzungsmöglichkeiten – durchaus zur Tradition der menschenfreundlichen Benediktiner mit ihren europäischen Pionierleistungen in Medizin und Krankenpflege passen würde. Für Emmerams treue Freunde wäre eine solche Umfunktionierung (Tagungs- und Seminarräume für bis zu 350 Konferenzgäste sollen dazukommen, am besten auch noch ein Hotel) schlicht Verrat am Lebenswerk des Greises. Sie wünschen sich eine Art spirituelles Zentrum, in dem eine klosterähnliche Gemeinschaft, aber auch junge Familien und gesellschaftliche Randgruppen Heimat finden sollen.

In dem Zwist um die geschichtsträchtige Abtei prallen zwei Welten aufeinander – wie damals, als der Eremit noch lebte: hier die eher in der Party-Schickeria als im klassischen Hofzeremoniell beheimatete junge Witwe Gloria, die 1980 aus verarmtem Kleinadel in die milliardenschwere Thurn- und Taxis-Familie einheiratete und seit dem Tod des Fürsten redlich bemüht ist, das Image der schrillen Punklady loszuwerden; auf der anderen Seite der greise Eremit – Onkel ihres 1990 verstorbenen Gatten –, der Kloster Prüfening in eine spartanische Klause verwandelte und wie eine lebende Legende durch eine ihm längst fremd gewordene Welt schritt: hochgewachsen, hager, der Rauschebart schneeweiß, der Händedruck noch im hohen Alter kräftig.

Seit 1951 bemühte sich der adelige Eremit vergeblich, das einstige Kloster und spätere Schloß Prüfening mit Gleichgesinnten zu besiedeln und eine glanzvolle Tradition wiederzubeleben. Denn Prüfening – die Klosterkirche mit hervorragenden romanischen Fresken zeugt davon – gehörte zu den Zentren der Klosterreform im 12. Jahrhundert. Pater Emmeram hat eine kleine Kirche auf dem elf Hektar großen Klosterareal saniert und eine wissenschaftliche Bibliothek mit 40 000 Bänden aufgebaut – aber der erhoffte Nachwuchs blieb aus.