Von Dietmar H. Lamparter

Mit einem Läppchen wischt die Arbeiterin unsichtbare Staubkörner vom edlen Parfumflakon aus Amethyst-Kristall, geschickt drapiert sie es mit Goldfäden in der eleganten Kartonverpackung und fixiert zum Schluß mit äußerster Sorgfalt die Zellophanhülle. Jetzt können dreißig Milliliter Esprit de Parfum Poison ("Der Duft, der provoziert") aus der Fabrik in Saint-Jean de Braye bei Orleans ihren Weg zu einer Luxusparfumerie in Tokio, New York oder Hamburg antreten.

"Maschinen können das bisher noch nicht so perfekt", sagt Maurice Roger, Chef von Parfums Christian Dior, "und wir sind unseren Kunden auch bei der Verpackung höchste Qualität schuldig." Die aufwendige Handarbeit kann sich das Unternehmen locker leisten. Zweistellige Wachstumsraten sind die Regel bei Parfums Dior. Der Reingewinn hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verfünffacht, erzählt Monsieur Roger: "Wir sind das weltweit rentabelste Unternehmen unserer Branche."

Die glänzende Bilanz des Herrn der Dior-Düfte wird in Sachen Umsatzrendite von einem anderen Luxusgüterproduzenten sogar noch übertroffen. Bei Louis Vuitton, dem traditionsreichen Hersteller exklusiver Reiseutensilien und Lederaccessoires, blieben 1993 satte vierzig Prozent vom Umsatz als Reingewinn hängen. Doch Roger muß das nicht grämen, schließlich bleibt alles in der Familie. Louis Vuitton und Parfums Christian Dior gehören genauso wie die Champagnerhäuser Moët & Chandon oder Pommery, der Cognac-Primus Hennessy, die Modehäuser Givenchy, Céline, Kenzo oder Christian Lacroix und neuerdings auch der legendäre Parfum-Mixer Guerlain zum größten Luxuskonzern der Welt: Moët Hennessy Louis Vuitton oder kurz LVMH nennt sich der Krösus in der Welt der produits de prestige.

Koordiniert wird die noble Familie von einem vergleichsweise bescheidenen Bürohaus in der Pariser Avenue Hoche. Dort, unweit des Triumphbogens, sitzt Bernard Arnault, mächtiger Président Directeur General und Mehrheitseigner von LVMH in Personalunion. Der hagere 45jährige mit dem jungenhaften Gesicht gibt die Marschrichtung vor: "Wir bleiben bei unserer Strategie."

Der stets dezent gekleidete, eher scheu wirkende LVMH-Patron setzt darauf, daß der wirklich feinen Pariserin ein Fingerhut voll (15 Milliliter) Essenz eines grand parfum wie Dune auch in Zukunft allemal 600 Franc wert sind, daß die Hollywood-Diva für ihr Vuitton-Kofferset eine fünfstellige Dollarsumme übrig hat, daß japanische Manager nach Feierabend im Kollegenkreis für eine Flasche Cognac Hennessy X.O. 350 Dollar hinblättern und die Schickeria in München auf ihren Partys weiterhin Veuve Cliquot, die Flasche für 45 Mark, schäumen läßt.

Seit Arnault im Jahr 1989 das Regiment bei LVMH übernommen hat, ging sein Kalkül immer auf. Auch die Anfang der neunziger Jahre um sich greifende Rezession bremste in seinem Luxusimperium weder Umsatz noch Profit. Im Jahr 1993 setzte die Gruppe 23,8 Milliarden Franc (7 Milliarden Mark) um. Die Netto-Umsatzrendite lag im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre bei über 15 Prozent, mehr als doppelt soviel wie das nächstprofitabelste der 1000 größten Industrieunternehmen Frankreichs, wie das Wirtschaftsmagazin L’Expansion ausgerechnet hat. Und was in diesem Jahr übrigbleiben wird, weiß der kühle Rechner schon ziemlich genau: "Der Gewinn wird voraussichtlich um 20 Prozent und der Umsatz um 15 Prozent steigen."