SAARBRÜCKEN. – Sie heißt „Respecta“, hat einen goldglänzenden überdimensionalen Körper mit feisten Speckschichten am Hintern und ist die Frau, über die in der Landeshauptstadt zur Zeit am meisten geredet wird. Und das will was heißen. Schließlich kennt im Saarland jeder jeden. Und Skandale und Skandälchen haben wir genug, über die geklatscht wird. Aber nichts geht derzeit über Respecta. Sogar bei Podiumsdiskussionen und in den Leserbriefspalten der Saarbrücker Zeitung. Ist Respecta nun Kunst oder nicht? Und wenn ja – was will uns das Kunstwerk sagen? Oder ist Respecta nur eine Provokation und gar nicht respektierlich? Ist sie obszön oder sogar eine Gotteslästerung?

Schließlich hat sie ein hochmütiges Madonnengesicht mit einem Lichterkranz im Haar, den man auch als Heiligenschein interpretieren kann. Und in ihrem Bauch rotiert eine Waschmaschine, in der eine Babypuppe und blutige Tücher durcheinander gewirbelt werden. Kann man so was dulden, gar vor dem Rathaus? Wo sie zudem noch den Stinkefinger zeigt. Und der ist doch sogar Effe schlecht bekommen. Muß man sie nicht wie den blonden Kicker entfernen? Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses? Respecta ist eine Plastik der Saarbrücker Künstlerin Barbara Caveng, die das Riesenweib im Rahmen eines Workshops des Frauen-Kultur-Monats zusammen mit acht anderen Frauen aus Pappmaché, Styropor und Draht und anderen Materialien zusammenbaute. Daß die Dame so viel Entrüstung – aber auch Zustimmung – auslösen würde, hat weder die Künstlerin noch die Initiatorin, die Leiterin der städtischen Gleichstellungsstelle Christa Piper, erwartet. Die Gleichstellungsdame wollte eher ihren ansonsten dahinplätschernden Frauen-Kultur-Monat etwas aufmotzen. Doch kaum hatte Respecta Anfang November auf einem Drahtgestell vor dem Rathaus im Herzen der Stadt Platz genommen, ging die Respectamania los. Denn die Dame steht an einer der am meisten befahrenen Saarbrücker Straßen, was Autofahrer schon mal zu Notbremsungen nötigte, als sie das monströse Weib neben sich sahen. Passanten blieben stehen. Manche eilten flugs ins Rathaus und fragten: „Was soll die Dicke da?“ Deswegen wurde beim Portier sogar ein Buch ausgelegt, in dem Betrachter ihre Meinung niederschreiben dürfen. Und die reicht nun mal von Zustimmung über Ablehnung bis zu wenig geglückten Interpretationsversuchen.

Die Saarbrücker Zeitung nutzte die Chance und lieferte auf einer halben Seite Erklärungen, was mit der Waschmaschine und dem Strahlenkranz und überhaupt gemeint ist. Also zunächst geht es um die Verdeutlichung der Rolle der Frau von heute. Und die besteht, wie die Künstlerin und eine ihrer Mitstreiterinnen erklärten, aus den drei Hs und den drei Ks. Die drei Hs sind Hexe, Hure, Heilige. Und die drei K’s sind Kinder, Küche, Kirche.

Wer nun glaubt, die Waschmaschine symbolisiere Haushalt – also Kinder und Küche –, liegt völlig daneben. Die Waschmaschine dreht sich im Bauch. Und der gehört bekanntlich der Frau. Und ist, so lautet die Meinung der Erschafferin, enteignet, sozusagen funktionalisiert. Siehe Paragraph 218. Deswegen auch die Babypuppe in der Waschtrommel. Und schließlich gebe es nichts Funktionaleres als eine Waschmaschine.

Und der Kopf mit dem Madonnengesicht? Da muß man genau hingucken. Der Kopf steht auf einer dünnen Spirale. Und das soll bedeuten: „Die Trennung von Körper und Kopf ist bewußt, weil der Körper immer wieder fremdbestimmt wird.“ Und außerdem: Frauen, die viel im Kopf haben, seien nicht unbedingt sehr beliebt, meinen die Riesenweib-Erschafferinnen.

Ein weiteres Rätsel: Warum ist der rechte Arm der Dicken amputiert? Die Erklärung der Künstlerin: „Das soll die Verletzungen der Frau in Bürger- und Ehekriegen symbolisieren.“ Und der Stinkefinger? Die Künstlerin: „Ich persönlich finde den Finger nur witzig. Aber wir, die wir den Finger gemacht haben, meinen damit natürlich auch: Freunde, ihr könnt uns mal! Wir wollen damit sagen, wir lassen die drei Hs und die drei Ks hinter uns.“

Diese Aussage scheint bei einigen Saarländerinnen noch nicht so richtig angekommen zu sein. Zumindest nicht bei „Liesje“, der Frau von „Schorsch“. Schorsch ist der Comic-Held der Saarbrücker Zeitung, der mit seinem Eheweib allwöchentlich menschliche, aber auch allzu menschliche Alltagserlebnisse hat. Und natürlich machen Schorsch und Liesje sich auch Gedanken über Respecta. Liesje sieht die Dicke so: „So e dick Tante vor unserem scheene Rathaus. Ach Gott, hat die e dicke Bobbes. Sogar e Waschmaschine steckt do drin. Stimmt jo, isch jo dem Schorsch no sei Hemde Wäsche.“

Die Geschichte um die Dicke ist inzwischen ein Selbstläufer geworden. „Gibt’s was Neues von der Dicken“ ist in Saarbrücken ein geflügeltes Wort, nicht nur unter Lokalredakteuren.

Aus dem ganzen Saarland reisen Frauengruppen an. Junge Leute lassen sich zwischen ihren dicken Schenkeln photographieren. Um die Riesenfrau stehen debattierende Menschengruppen und streiten, ob die Dame nun „echt geil“ oder einfach nur „häßlich“ ist. Die Frauenbeauftragte Piper freut sich: „Bisher ist es bei uns noch nie gelungen, daß sich so viele unterschiedliche Bevölkerungskreise mit der Frauenthematik auseinandersetzen.“ Die Auseinandersetzung – sowohl um die Frauenthematik als auch um die Dicke – wird weitergehen. Auch wenn Respecta nicht mehr vor dem Rathaus stehen wird. Denn der Marktwert der Dame wurde inzwischen erkannt. Es gibt schon Postkarten mit dem Bild von Respecta. Und angeblich sind auch Telephonkarten geplant. Dieter Gräbner