Ein neuer Essayband des tschechischen Rigoristen und Emigranten Milan Kundera

Von Peter Hamm

In seiner "Jerusalemer Rede", mit der er sich für die höchste literarische Auszeichnung, die Israel zu vergeben hat, bedankte, legte Milan Kundera Wert auf die Feststellung, er nehme diesen Preis als "Romancier" und nicht als "Schriftsteller" entgegen. Der Romancier, so belehrte uns Kundera dabei, sei einer, "der hinter seinem Werk verschwinden will" und die Rolle als öffentliche Person verweigere. Der sich derart in aller Öffentlichkeit als Öffentlichkeitsverweigerer gerierte, tappte nicht nur bei dieser Gelegenheit in eine Widerspruchsfalle. Manchmal scheint es, als sei Milan Kundera geradezu die Verkörperung von lauter uneingestandenen Widersprüchlichkeiten.

"Der Romancier", so verriet Kundera in derselben Jerusalemer Rede, "ist niemandes Sprachrohr, ja, ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß er nicht einmal Sprachrohr seiner eigenen Ideen ist." Um diesem Satz zuzustimmen, muß man gar nicht so weit gehen, wie Kundera suggeriert, es genügt, etwa die Entstehungsgeschichte von Tolstojs "Anna Karenina" oder Dostojewskijs "Der Jüngling" vor Augen zu haben, zwei Romane, die der ursprünglichen Intention ihrer Verfasser ziemlich zuwiderliefen. Aber gilt Kunderas Satz auch für Kunderas eigene Romane? Sind deren Figuren nicht oft lediglich Illustrationen Kunderascher Ideen und billige Beweisführungen im Romankostüm?

Wie klug plädiert der Essayist Kundera doch für die "Weisheit des Romans", die sich ihm in der Vieldeutigkeit seiner Figuren manifestiert. In seinen eigenen Romanen aber tritt Kundera regelmäßig als sein eigener Kommentator und als Platzanweiser für seine Figuren auf, die er, wenig weise, bis zuletzt seiner strikten Kontrolle unterstellt. "Tatsächlich behält Kundera immerzu gegen seine Figuren recht, Recht zu haben und recht zu behalten ist ja sein hauptsächliches Interesse", so hat es Ulrich Greiner im Mai 1986 in der ZEIT in seinen "Anmerkungen zu einem überschätzten Autor" formuliert.

Wie erfrischend hat Milan Kundera gegen jene Kritiker und Interpreten polemisiert, die Kunstwerken mit Vorliebe Gefühle abfragen und sie daraufhin prüfen, ob sie es verdienen, in die "Heilige Kirche des Herzens" aufgenommen zu werden. Und wie beißend konnte Milan Kundera Kitsch – zumal Politkitsch – attackieren. Der Kampf gegen den Kitsch bildet bekanntlich sogar einen Grundpfeiler des Romans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Aber haben Kunderas Romane nicht auch ihre gefällig-gefühligen Kuschelecken und rühren die Leser(innen)herzen mit gepflegtem Weltschmerz und geschmackvollem Bildungskitsch? "Kitsch für Intellektuelle": Paßt Pasolinis Verdikt über García Márquez und dessen Romane nicht auch ein wenig auf diejenigen Kunderas (in denen übrigens durchaus auch Machomentalität, wenngleich eine durch europäische Melancholie gemilderte, regiert)?

Oder nehmen wir den Humor, von dem Milan Kundera behauptet, nur aus seinem Geist heraus könne ein gültiger Roman überhaupt geschaffen werden, weswegen er in Anlehnung an das jüdische Sprichwort "der Mensch denkt, Gott lacht" den Roman einmal sehr schön als "das Echo auf Gottes Lachen" definierte. Niemand wird Kunderas besondere Begabung für Komik in Abrede stellen wollen, aber steht ihr nicht allzu oft der Rechthaber Kundera entgegen, der uns in seinen Romanen über den Zustand der Welt belehren möchte und dabei humorlos bis zur Verbiesterung werden kann?