Von Herbert Stelz

Der Fall: Viele hundert Menschen werden durch verseuchte Medikamente so geschädigt, daß ihr. baldiger Tod unabwendbar ist. Zahlreiche Opfer sind bereits zu beklagen. Ihr Tod ist nicht einfach nur schicksalhaft. Viele hätten gerettet werden können, hätten die Verantwortlichen bei Bekanntwerden des Risikos sofort gehandelt. Dies ist die Bilanz des Aids-Skandals in der Bundesrepublik, offiziell festgestellt vom Untersuchungsausschuß des Bundestages.

Als dessen Bericht Anfang November veröffentlicht wurde, blieb der eigentlich zu erwartende Aufschrei in der Öffentlichkeit verhalten. Nun muß Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer den zweiten Teil des Dramas bewältigen und eine halbwegs angemessene Entschädigung der Opfer des größten Arzneimittelskandals hierzulande durchsetzen. Mit mindestens 2500 Opfern wird gerechnet, die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Etwa ein Drittel ist bereits gestorben.

Der Untersuchungsausschuß kam zu dem eindeutigen Ergebnis, daß "ein schuldhaftes Verhalten" aller Beteiligten "für einen Großteil der HIV-Infektionen durch Blut und Blutprodukte ... ursächlich" war. Die beteiligten Behörden sind das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesgesundheitsamt und die Gesundheitsministerien der Länder. In der fraglichen Zeit von 1982 bis 1987 waren Heiner Geißler und Rita Süssmuth die verantwortlichen Gesundheitsminister. Die Firmen heißen: Immuno, Hyland, Behring/Hoechst, Armour, Bayer/Cutter, Intersero, Travenol, Alpha, Abbott, Biotest; dazu kommen das Deutsche Rote Kreuz und andere Blutspendedienste.

Als Verteiler der aidsverseuchten Medikamente waren Ärzte beteiligt, vor allem solche, die auf die Bluterkrankheit spezialisiert sind. Die tödlichen Medikamente heißen Faktor VIII oder PPSB und sind aus menschlichem Blut hergestellte Konzentrate von Gerinnungsfaktoren. PPSB wurde auch an unzähligen Krankenhäusern Tausenden von Operationspatienten und bei Geburten gespritzt. Wie vielen, weiß niemand, weil niemand nachgeforscht hat.

Auch PPSB war mindestens bis 1985 aidsverseucht, weil es wie die Blutermedikamente Faktor VIII und Faktor IX aus großen Plasmapools hergestellt wurde. Diese stammten überwiegend aus den Vereinigten Staaten. In die Pools gingen Zigtausende Plasmaspenden ein, ein einziger HlV-infizierter Spender konnte den gesamten Pool tödlich verseuchen. Viele Empfänger der Medikamente wurden auch mit Hepatitis infiziert, einer ebenfalls oft tödlich verlaufenden Krankheit.

Diese Gefahren, so hat es der Blut/Aids-Untersuchungsausschuß auf fast 700 Seiten festgehalten, waren für Hersteller, Behörden und Ärzte seit spätestens Anfang 1983 erkennbar und vermeidbar, und das vor allem begründet den Vorwurf schuldhaften Verhaltens. Nahezu allen PPSB-Opfern hätte bei richtigem Verhalten der Verantwortlichen die tödliche Spritze erspart werden können, ebenso rund 800 Blutern. 1983 hat es für deren Medikament Faktor VIII bereits eine Alternative gegeben, ein gegen das Hepatitisvirus inaktiviertes Präparat, für PPSB schon vor 1980, stellte der Ausschuß fest. Wie sich spätestens Mitte 1984 bestätigte, waren in den hepatitissicheren Präparaten auch die Aids-Viren abgetötet. Bereits das Risiko, an Hepatitis zu sterben, war nach dem Arzneimittelgesetz ein rechtlich zwingender Grund, auf das erste inaktivierte Präparat umzusteigen, sobald es auf dem Markt war.