Inaktivierte PPSB- und Faktor-VIII-Präparate wurden anfangs nur von je einem Hersteller angeboten: Biotest und Behring. Wären die Ärzte sofort umgestiegen, wären die anderen Anbieter vorübergehend aus dem Markt gedrängt worden. "Beinahe alle Behandlungseinrichtungen", stellt der Ausschuß fest, "erhielten von den Herstellern Zuwendungen in Form von Rückvergütungen, Naturalrabatten, Sachzuwendungen oder sonstigen Vergütungen (credit backs)." Dieses auch für die Behandler einträgliche System wäre gefährdet gewesen, hätte man auf die gefährlichen Produkte verzichtet.

Das wollte keiner der zahlreichen vom Ausschuß vernommenen Beteiligten zugeben. Sie führten unisono ins Feld, Behring habe als anfangs einziger Hersteller von virusinaktiviertem Faktor VIII den Markt alleine nicht bedienen können. Wären die Ärzte umgestiegen, wäre ein Versorgungsnotstand mit massenhaftem Blutungstod der Patienten die Folge gewesen. Nur: Heute, sagen die Interessenverbände der betroffenen Bluter, sterbe jede Woche ein Patient an Aids, weil dieser angebliche "Versorgungsnotstand" verhindert wurde. Dem behaupteten Versorgungsnotstand widerspricht auch der Ausschuß. Wegen der in Deutschland praktizierten Hochdosistherapie war der Pro-Kopf-Verbrauch von Faktor VIII damals rund doppelt so hoch wie in anderen Ländern gewesen. Man hätte lediglich für eine Übergangszeit die Dosierung auf international übliches Niveau zu senken brauchen, bis die anderen Hersteller ebenfalls mit sicheren Produkten auf dem Markt waren. Bei halbiertem Verbrauch wäre kein Bluter gestorben, hat der Ausschuß nach ausführlicher Befragung in- und ausländischer Experten festgestellt. Aber eine solche Halbierung hätte für alle Beteiligten Verzicht bedeutet. Schließlich lagen auch die Preise in Deutschland deutlich höher als im Ausland. Wie lange die verseuchten Mittel noch weitergespritzt wurden, konnte der Ausschuß nicht endgültig klären, in vielen Fällen sicher bis ins Jahr 1985. Ein Rückruf der Präparate war offenbar die Ausnahme.

Verdienstvoll und minuziös hat der siebenköpfige Untersuchungsausschuß des Bundestages die Katastrophe aufgerollt. In deutlichen Worten stellt er einstimmig Schuld fest:

  • "Spätestens ab 1. Oktober 1980" hätten nicht virusinaktivierte Faktor-IX- und PPSB-Produkte nicht mehr verkauft werden dürfen.
  • Seit der Jahreswende 1982/83 hätten alle Hersteller inaktivierte Faktor-VIII-Produkte im Angebot haben müssen, bei nicht inaktivierten wären sie und die Ärzte zu ausdrücklicher Warnung vor dem Aids-Risiko verpflichtet gewesen.
  • Von Spätherbst 1983 an hätten nicht inaktivierte Faktor-VIII-Konzentrate zurückgerufen werden müssen.
  • Seit August 1984 seien "mit dem wissenschaftlichen Beweis der Ursächlichkeit" des Virus für Aids "Entschuldigungen ausgeschlossen" gewesen.

Mit der falschen Begründung, es habe ja erst von Mitte 1985 an ein Aids-Test zur Verfügung gestanden, rechtfertigen noch heute alle Beteiligten, daß der absehbare Tod weiter gespritzt wurde. Dabei war es bereits vor diesem Zeitpunkt möglich, aidsverdächtige Spender zu erkennen. Nahezu jeder zweite von über 3000 Blutern ist mit HIV infiziert, jeder zehnte übertrug das Virus zudem auf seine Ehefrau oder Sexualpartnerin. Bis zuletzt wurde von beinahe allen Beteiligten die Legende gepflegt, der Aids-Tod sei gleichsam schicksalhaft über die Beteiligten gekommen. Diese These widerlegte der Ausschuß. Anhand rückwirkender Untersuchungen der Infektionszeitpunkte kommt er zu dem Ergebnis, daß über 800 Bluter hätten gerettet werden können.

Völlige Unklarheit herrscht über die Zahl der betroffenen "normalen" Patienten durch PPSB. Neueste Schätzungen besagen, daß in Deutschland pro Jahr etwa 100 Millionen Einheiten gespritzt werden. Für den ersten medizinisch gesicherten Aids-Tod durch PPSB reichten 400 Einheiten. Ein Umstand zeigt, wie unsicher man sich ist: Die Haftpflichtversicherer der Hersteller haben bislang für die Opfer unter den Blutern 120 Millionen Mark an Entschädigungen aufgewandt. Einen Bittbrief des Bundeskanzlers zugunsten eines Hilfsfonds konterten die Versicherer im vorigen Jahr kühl mit einer Absage. "Nach Expertenaussagen" rechneten sie damit, daß "aus bisher unbekannten Fällen von HlV-Infizierungen" noch "Schadenersatzansprüche in der Größenordnung von einigen hundert Millionen DM" auf sie zukämen, also ein Mehrfaches dessen, was bisher an etwa 1300 Bluter-Opfer ausgezahlt wurde. "Wir rechnen damit", bestätigt Ekkehardt Metzdorf, Sprecher der Aids-Arbeitsgruppe der Versicherer, "daß es wahrscheinlich mehr PPSB- als Bluter-Fälle gibt."

Entschädigt wurde bisher fast immer analog Paragraph 84 des Arzneimittelgesetzes, der eine verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung vorsieht. Dabei gab es nur Schadenersatz mit Beträgen von mindestens 4250 Mark, im Durchschnitt 65 000 Mark je absehbaren Aids-Tod. Schmerzensgeld wurde in aller Regel abgelehnt, denn dies hätte ein Verschulden vorausgesetzt. Das aber ist im Einzelfall schwer festzustellen, So unterlag am 24. November vor dem Landgericht Aachen der HlV-infizierte Bluter Wilfried Breuer in erster Instanz gegen die Bundesrepublik Deutschland. Wie viele andere konnte er nicht belegen, ob er 1982 oder 1983 in der Hämophilie-Ambulanz der Bonner Universitätsklinik infiziert wurde. Die dortigen Ärzte hatten ihm die Diagnose erst 1986 mitgeteilt, außerdem wurde er in dem in Frage kommenden Zeitraum mit inaktivierten und nicht inaktivierten Präparaten behandelt.