Von Fritz J. Raddatz

Aus alten Legenden und neuem Unsinn bereitete sich Deutschland eine neue verrückte Mixtur. Bismarck war trotz alledem eine Jahrhundertgestalt, Wilhelm II. – nun, ein nicht unbegabter Jahrmarktkünstler – wer aber ist Adolf Hitler? Wie groß muß die geistige Versumpfung eines Volkes sein, das in diesem albernen Poltron einen Führer sieht, also eine Persönlichkeit, der nachzueifern wäre! Wie groß muß die psychologische Unfähigkeit dieses Volkes sein, sein mangelnder Instinkt für Echtheit und Falsifikate!

Die Weltbühne, 20. 1. 1931

Was für ein Mann. Was für ein Werk. Was für ein Leben (und was für ein Tod!). Diese in Vollständigkeit wie Akribie herausragende Edition der Arbeiten Carl von Ossietzkys führt erstmals so komplett wie komplex einen der führenden Köpfe der Weimarer Republik vor; einen ihrer klarsten Analytiker; eines ihrer spektakulärsten Opfer.

Der Mann

Zeitgenossen schildern ihn als hölzern. Dann war er zumindest aus hartem Holz. Andere als knöchern. Dann war er gewiß beinern-unbiegsam. Jener Wappenring, ein Erbstück der Familie, den Carl von Ossietzky sein Leben lang trug, wirkt wie ein Leitmotiv; er zeigte einen abnehmenden und einen zunehmenden Mond: Ein Ossietzky muß bei jedem Mondwechsel, also immer, zum Kampf bereit sein. Sein berühmtester Kombattant, Kurt Tucholsky, fand nie Zugang zu ihm; schon 1927 – kurz nachdem er ihn selber als Nachfolger Siegfried Jacobsohns zum Weltbühne-Herausgeber berufen hatte – schreibt er enttäuscht: "Der interessiert sich wohl nur für sich alleine... Mir schreibt er nett, aber sehr wenig, geht auf nichts ein... Von Anregung ist überhaupt keine Rede. Da entzündet sich nichts." Und einen Tag später (11.7.1927): "Er antwortet fast garnicht, ich habe schon, glaube ich, vierzehn Tage nichts von ihm gehört – auf Anregungen, Vorschläge, Witze – nichts." Das wird Jahre später Tucholsky nicht abhalten, sich vehement für den eingesperrten Kollegen einzusetzen; auch wenn der ihn zeitlebens distanziert per "Lieber Herr Doktor" anredete: Die Integrität stand nicht zur Debatte.

Ein großer Briefschreiber war Ossietzky in der Tat nicht. Schon die frühen Briefe an die umworbene, bald geheiratete Maud (in Indien geborene Tochter eines englischen Majors und einer indischen Prinzessin) schlingern zwischen für einen fast Dreißigjährigen erstaunlichem Kitsch – "Und als wir ... uns auf dem Sofa umarmten, in sinnloser Berauschung uns umarmten und gierig wie Verschmachtende unsere Küsse tranken" – und, ebenso verwunderlich, falschem Deutsch: "Es steht zwischen uns keinerlei"; "bereut habe ich niemals die Stunde, wo du in mein Leben tratest".