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Von Fritz J. Raddatz

Aus alten Legenden und neuem Unsinn bereitete sich Deutschland eine neue verrückte Mixtur. Bismarck war trotz alledem eine Jahrhundertgestalt, Wilhelm II. – nun, ein nicht unbegabter Jahrmarktkünstler – wer aber ist Adolf Hitler? Wie groß muß die geistige Versumpfung eines Volkes sein, das in diesem albernen Poltron einen Führer sieht, also eine Persönlichkeit, der nachzueifern wäre! Wie groß muß die psychologische Unfähigkeit dieses Volkes sein, sein mangelnder Instinkt für Echtheit und Falsifikate!

Die Weltbühne, 20. 1. 1931

Was für ein Mann. Was für ein Werk. Was für ein Leben (und was für ein Tod!). Diese in Vollständigkeit wie Akribie herausragende Edition der Arbeiten Carl von Ossietzkys führt erstmals so komplett wie komplex einen der führenden Köpfe der Weimarer Republik vor; einen ihrer klarsten Analytiker; eines ihrer spektakulärsten Opfer.

Der Mann

Zeitgenossen schildern ihn als hölzern. Dann war er zumindest aus hartem Holz. Andere als knöchern. Dann war er gewiß beinern-unbiegsam. Jener Wappenring, ein Erbstück der Familie, den Carl von Ossietzky sein Leben lang trug, wirkt wie ein Leitmotiv; er zeigte einen abnehmenden und einen zunehmenden Mond: Ein Ossietzky muß bei jedem Mondwechsel, also immer, zum Kampf bereit sein. Sein berühmtester Kombattant, Kurt Tucholsky, fand nie Zugang zu ihm; schon 1927 – kurz nachdem er ihn selber als Nachfolger Siegfried Jacobsohns zum Weltbühne-Herausgeber berufen hatte – schreibt er enttäuscht: "Der interessiert sich wohl nur für sich alleine... Mir schreibt er nett, aber sehr wenig, geht auf nichts ein... Von Anregung ist überhaupt keine Rede. Da entzündet sich nichts." Und einen Tag später (11.7.1927): "Er antwortet fast garnicht, ich habe schon, glaube ich, vierzehn Tage nichts von ihm gehört – auf Anregungen, Vorschläge, Witze – nichts." Das wird Jahre später Tucholsky nicht abhalten, sich vehement für den eingesperrten Kollegen einzusetzen; auch wenn der ihn zeitlebens distanziert per "Lieber Herr Doktor" anredete: Die Integrität stand nicht zur Debatte.

Ein großer Briefschreiber war Ossietzky in der Tat nicht. Schon die frühen Briefe an die umworbene, bald geheiratete Maud (in Indien geborene Tochter eines englischen Majors und einer indischen Prinzessin) schlingern zwischen für einen fast Dreißigjährigen erstaunlichem Kitsch – "Und als wir ... uns auf dem Sofa umarmten, in sinnloser Berauschung uns umarmten und gierig wie Verschmachtende unsere Küsse tranken" – und, ebenso verwunderlich, falschem Deutsch: "Es steht zwischen uns keinerlei"; "bereut habe ich niemals die Stunde, wo du in mein Leben tratest".

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Wozu einiger Anlaß gewesen wäre: Maud von Ossietzky war Alkoholikerin und hat ihrem Mann – zumal dem später so berühmten wie Verantwortung tragenden Journalisten – viel Ungemach bereitet. Der Mann, der bald im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand (und alsbald im Licht der Verhörscheinwerfer), konnte sich auf seine zu Skandalen, Szenen und Wüstheiten neigende Frau nicht verlassen – und hat es sie nie, nicht mit einer Silbe, entgelten lassen. Die Briefe und Eintragungen in das "Erinnerungsbuch" des Ehepaars Ossietzky, die hier in dem schlechthin mustergültig zusammengestellten Band VII "Briefe und Lebensdokumente" gesammelt sind, zeigen die Noblesse eines Charakters von beeindruckender Geradlinigkeit. Noch der KZ-Häftling tröstet seine Frau, umsorgt sie behutsam; kein Halbsatz der Klage. Respekt.

Das Werk

Der 1889 in Hamburg geborene, katholisch getaufte, protestantisch konfirmierte Carl von Ossietzky war früh ein Kämpfer. Seine ersten Bildungserlebnisse hatte der junge Hilfsschreiber und Bürogehilfe, der aus materiellen Gründen die renommierte Raumbaumsche Schule in Hamburgs Caffamacherreihe – wo heute der Unilever-Glaspalast steht – vor dem Abitur verlassen mußte, durch seinen Stiefvater, den elsässischen Bildhauer Gustav Welther, der Sozialdemokrat war; mit ihm hörte er August Bebel und Bertha von Suttner. 1911 schickte er an Rudolf Breitscheids Zeitung Das freie Volk seinen ersten Beitrag, von 1912 an war er – unter Hellmut von Gerlachs Chefredaktion – mit politischen Artikeln regelmäßiger Mitarbeiter. Mit 24 Jahren hatte er seinen ersten Prozeß wegen scharfer antimilitaristischer Artikel. Nicht zuletzt darin liegt das Spannende der Dramaturgie dieser Edition: Ossietzkys Weg ist ein spiralförmig, aber nicht im Zickzack sich entwickelnder.

Ein Meilenstein war wohl der Bruch mit dem bürgerlichen Pazifismus; aus dem im Herbst 1919 unter anderen mit Tucholsky und Emil Gumbel gegründeten Friedensbund der Kriegsteilnehmer formte er den Aktionsausschuß Nie wieder Krieg, dessen dritte Kundgebung am 1. August 1920 im Berliner Lustgarten zu einer Massendemonstration wurde – Hunderttausende nahmen teil. Ein Photo zeigt Albert Einsteins Frau, die eine Broschüre mit dem Titel "Nie wieder Krieg" verkauft (zu der Ossietzky einen Beitrag geliefert hatte – noch Jahre später nahm Göring Bezug auf diese Veranstaltung). Eine einzige Seite des Dokumentenbandes zeigt die Vielfalt – und die Verzahntheit – von Leben und Werk Ossietzkys: ein Brief an das Internationale Friedensbüro in Bern vom November 1919; das Impressum der Zeitschrift Völker-Friede – "verantwortlich für die Schriftleitung ist Carl von Ossietzky"; die Geburtsurkunde der Tochter Rosalinde (24.12.1919) und eine traurig-nachdenklichbeschwörende Eintragung im "Erinnerungsbuch".

Wenn man sich der Mühe unterzieht, die journalistischen Arbeiten aus diesen letzten beiden Monaten des Jahres 1919 (in Band I) dazu zu lesen, dann punktiert sich eine deutlich erkennbare Linie. Aus dem bürgerlichen Pazifisten wird ein militanter Kriegsgegner, der mehr und mehr Einsicht gewinnt in die ökonomischen Mechanismen und Strukturen des "Kriegsgewinns", der im sozialen Gebäude Mehrwert heißt und im politischen Leben der jungen Republik Reaktion. Anfangs noch ledern formulierend – "... Diskussion über die Auffindung aller Möglichkeiten zur dauernden Festigung des Friedens" –, wird Carl von Ossietzky bald zu einem der geschliffensten Analytiker und kompromißlosesten Verteidiger der Weimarer Republik. Der Weltbühnen-Ossietzky ist alles in einem: ein hochgebildeter Intellektueller, der sich mühelos zwischen Richard Wagner, Mehrings "Lessinglegende", einer fulminanten Piscator-Rezension und Literaturkritik bewegt – wo gäbe es heute einen Leitartikler dieser Spannweite? –; ein hartnäckiger Warner, der etwa zu Zörrgiebels "Blut-Mai" 1929 diese Zeugenaussage druckt: "Gesehen habe ich, wie die Polizei ohne Sinn auf Menschen einschlug, die absolut mit politischen Kundgebungen nichts zu tun hatten. Es scheint mir, daß die Beamten es vorerst auf jüdisch aussehende Passanten abgesehen hatten"; ein furchtlos treffsicherer Formulierer, dem das Gemüsemarkt-Wort "ausgewogen" glücklicherweise noch fremd war und der sich nicht scheut, Hugenberg einen "größenwahnsinnigen Industriedespoten" zu nennen, den Nationalsozialismus "eine reich dotierte Improvisation der Schwerindustrie" und "Deutschland das Land, wo die großen Nieten immer wieder kommen" – ach, was gäbe man darum heute, da selbst leitartikelnde Romanciers uns und sich mit ihrer Musik aus Bodensee-Vergnügungsdampfern zur Melodie "Ich erwarte überhaupt nicht, daß jemand sein Gewissen veröffentliche" einlullen wollen, daß jemand heute uns ein Gewissen machte mit so schneidenden Formulierungen wie "Wir haben nur ein kleines Heer, aber einen großen Militarismus" oder "Herr Breitscheid ist eine Bettschönheit, er verliert, wenn er aufsteht".

Ossietzky war aber kein Verbal-Clown und seine Weltbühne kein Zirkus mit Feuerschluckern. Er war eine Fackel. Die leuchtete die Finsternisse, Heimlichkeiten und Machenschaften derer aus, die die Republik verdarben; ob sie – "ein Schlemihl, ein armseliger Nebbich" – wie Ernst von Salomon nur ein bißchen den Rathenau-Mördern halfen oder – "Wird in Deutschland nicht seit Jahren der Krieg gegen Polen geschürt?" (1931!) – ob sie schon 1931 die Weichen ins Unheil stellten: "Wir leben schon im militärisch-fascistischen Regime, für dessen Herbeiführung die Herren Schacht und von Seeckt, zwei Geschaßte, die allzu gern wieder ran möchten, verantwortlich sind."

Was mit diesen acht Bänden vorliegt, ist eine Geschichte der Weimarer Republik vu travers un temperament, um Zolas berühmte Formel zu paraphrasieren. Und es liegt auch vor ein abermaliges Zeugnis gegen das stereotyp-stumpfsinnige "Wir konnten es nicht wissen, wir haben nichts gewußt, wer hat uns denn gesagt": Das hier war alles gedruckt, Woche für Woche erschien das Menetekel an der roten Wand. Gewiß, die Weltbühne hatte eine kleine Auflage (15 000 in ihren besten Zeiten), und auch vergleichbare Publikationen wie das Tagebuch des brillanten Konkurrenten Leopold Schwarzschild waren keine Massenblätter. Nur – wer wollte, der hätte wissen können. Nicht-Lesen ist noch kein Qualitätsnachweis und kein Unschuldsbeweis.

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Das gilt übrigens für Optanten jeder Couleur. Schon 1931 schrieb Ossietzky – Jahre vor den be-

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rüchtigteren Stalin-Prozessen – über den fragwürdigen (antisemitisch geprägten?) Prozeß gegen den international renommierten Direktor des Moskauer Marx-Engels-Instituts Rjasanow: "Die Moskauer Götter dürsten wieder... Kenner halten die Schuld der Angeklagten mindestens für psychologisch unmöglich... Die Grundlagen dieses Prozesses sind schwach, seine Motive ganz nebelhaft." Ossietzky ist der klassische Parteilose, dessen Intellekt ihn zum Souverän macht; will sagen, der ohne Rücksicht auf Machtgruppierungen, Abonnenten, Anzeigenkunden, Interessenvertreter oder politische Parteien frei, also souverän urteilt. Das ist kein sich liberal nennender Einerseits-Andererseits-Journalismus, sondern ein klares, meinetwegen radikales Weder-Noch: "Die KPD mag wohl eine radikale Partei sein, die ihre Impulse von einer revolutionär bewegten Epoche empfängt, aber eine Revolutionspartei ist sie nicht."

Die Lektüre dieser fulminanten Leitartikel einer Wochenzeitschrift gleicht dem Anblick einer Wochenschau (mit der Rasanz eines Politthrillers); Großaufnahme allemal. Doch ist gleichsam Brechts Diktum befolgt, die Photographie der IG Farben sage nichts über die IG Farben – hier wird mit schärfstem Mikroskop diagnostiziert, mit skalpellgenauem Wort skelettiert. So gut Ossietzky weiß, daß die KPD einer Revolutionsromantik ohne jeden realen Boden nachhängt, so präzise prangert er früh Hitler als gerissenen Industrieagenten an, der weiß, was seine Einbläser wollen, und der von den bürgerlichen Politikern nicht wirklich gebremst wird. "Der Politiker Brüning hat den Ruck nach rechts gewollt und statt dessen den Fascismus heraufbeschworen."

Aber Ossietzky argumentiert nicht punktuell, sondern im historischen Kontinuum. Keineswegs sieht er den heraufziehenden Nationalsozialismus als Naturkatastrophe, vielmehr deutlich als Folge geschichtlicher Kausalität; er sieht die Wirkung, aber er kennt – und benennt – die Ursachen: "Dieses Millionenheer, das sich dem Fascismus in die Arme wirft, fragt nicht, weil ihm nichts mehr zu fragen übrig geblieben ist. Desperat und kritiklos folgt es einer bunten und lärmenden Jahrmarktsgaukelei, weil nichts schlimmer werden kann als es bereits ist, so wie ein von den besten Ärzten aufgegebener Patient schließlich den Weg zum Kurpfuscher findet, der dem Krebskranken empfiehlt, eine Walnuß in der Tasche zu tragen.... An dieser Partei ist nichts originell, nichts schöpferisch, es ist alles entlehnt. Sie hat kein eignes geistiges Inventar, keine Idee; ihr Programm ist in aller Welt zusammengestoppelter Unsinn. Ihr äußerer Habitus und ihr Wortschatz stammt teils von den Linksradikalen, teils von Mussolini, teils von den Erwachenden Ungarn. Nur die Vereinsparole Juda verrecke!’ ist wohl in eigner Kultur gezogen."

Das Leben

Spektakulär, gar auf irgendeiner anderen als seiner Weltbühne, verlief Ossietzkys Leben nicht; kein Glamour, keine Feste, keine (?) Amouren. Verglichen mit den Villen und Yachten und Landsitzen unserer heutigen Pressetycoone eine geradezu kärgliche Existenz: Erst sehr spät überhaupt eine eigene Wohnung, eigene Möbel, wenig Reisen, gewiß keine üppigen Diners bei Schlichter und keine Weinlieferungen von Rollenhagen – der langjährige Weltbühne-Chef hatte als Häftling kaum das Geld für Briefmarken, Zeitungsabonnement und Zigaretten. Dabei war er gewiß kein lebensverachtender Robespierre, der den Dantons das Hühnchen verübelte; eher ein karger, disziplinierter Arbeiter mit einem – seltsamer Widerspruch – zugleich milden wie unbestechlichen Sinn für Gerechtigkeit, für Proportionen und für Anstand. Seine politischen Urteile tragen auch immer den leisen Hauch von Degout, ein unausgesprochenes "Das tut man nicht": "Kinder, sagt es doch, ihr möchtet uns am liebsten Kulturbolschewisten nennen! Sagt es doch endlich! ... Wenn der Kapellmeister Klemperer die Tempi anders nimmt als der Kollege Furtwängler, wenn ein Maler in eine Abendröte einen Farbton bringt, den man in Hinterpommern selbst am hellen Tage nicht wahrnehmen kann, wenn man für Geburtenregelung ist, wenn man ein Haus mit flachem Dach baut, so bedeutet das ebenso Kulturbolschewismus wie die Darstellung eines Kaiserschnitts im Film. ... Nur Marlene Dietrichs berühmte Spitzenhosen im Blauen Engel sind bisher noch nicht kulturbolschewistisch genannt worden, und das wahrscheinlich nur, weil sie ihr von der Ufa selbst angemessen worden sind."

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Carl von Ossietzky war so wenig Zentrum irgendeines intellektuellen, irgendwelcher politischer (mondäner schon gar nicht) Zirkel, daß er noch 1929 zwar Ludwig Renns "Krieg"-Roman rezensiert, aber mutmaßt, "heute ist er Kommunist, vielleicht Funktionär in einem süddeutschen Nest. Man weiß es nicht." Man wußte es schon – immerhin war Renn Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) und von Beginn an Mitherausgeber der Linkskurve. Ossietzky saß also nicht als Gast im "Romanischen" und auch nicht in irgendeinem germanischen Café. Dafür saß er bald anderswo: im Gefängnis.

Als auf jenen Artikel vom 12. März 1929 hin, den Walter Kreiser unter dem Pseudonym Heinz Jäger zum Thema "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" in der Weltbühne publiziert hatte, die Jagd auf Ossietzky begann, handelte es sich natürlich nicht nur um diesen Aufsatz. Die dort angedeuteten Zusammenhänge waren ja allenthalben bekannt. Schon am 16. Dezember 1926 hatte der sozialdemokratische Abgeordnete Scheidemann sämtliche von der Weltbühne angeprangerten Skandale der Schwarzen Reichswehr, der Geheimbünde und der heimlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zu einem parlamentarischen Mißtrauensantrag gegen den Reichswehrminister zusammengefaßt; auf die im Wandelgang hinterher an Ossietzky gerichtete Frage "Sind Sie nun zufrieden?" antwortete dieser: "Sie haben das Richtige zur falschen Zeit getan."

Der Prozeß, aus Gründen der Geheimhaltung nichtöffentlich geführt und in der Weltbühne deshalb auch nirgends erörtert oder gar analysiert, trifft Ossietzky in einer deutlichen politischen Entwicklung – und zwar nach links. Ein kleines Detail zeigt, was sich an Ossietzkys Leben geändert hat. Als er seine Haft antreten muß am 10. Mai 1932 – ein Jahr später wird Goebbels vor der Berliner Universität seine literarische Hexenverbrennung zelebrieren –, geleitet ihn eine Delegation von Schriftstellern vor das Gefängnistor – Ernst Toller, Erich Mühsam, Hellmut von Gerlach, aber auch Arnold Zweig, Alfred Kantorowicz und Ludwig Renn.

Im Dezember 1932 einigten sich SPD, KPD und NSDAP auf ein Amnestiegesetz, und Rudolf Breitscheid setzte durch, daß es auch literarischen Landesverrat betraf. Ossietzky war frei, die Weltbühne vom 27. Dezember beginnt mit seinem Aufsatz "Rückkehr", einer Art Fortsetzung des großen "Rechenschafts"berichts vom Mai, der mehr als das halbe Heft gefüllt hatte und eine Generalbilanz gewesen war, Glanzstück deutscher politischer Prosa, voller Melancholie, aber ohne Resignation.

Im selben Monat hatte Ossietzky auch jenen Artikel "Ein runder Tisch wartet" veröffentlicht, in dem er Sozialisten und Kommunisten beschwor, zusammenzugehen; er sah inzwischen in dieser Einigung die einzige Möglichkeit, das aufziehende Unheil abzuwenden. Links von sich sah er nur noch Verbündete. Aus praktischer Konsequenz war auch eine ideologische geworden – Ossietzky nannte sich Sozialist. Doch Konsequenz und Erkenntnis kamen zu spät. Und er wußte es. Auf der denkwürdigen letzten Mitgliederversammlung des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller am 20. Februar 1933 in den Kammersälen an der Teltower Straße hielt er seine berühmt gewordene Rede: "Wir wissen nicht, was im einzelnen geschieht. Aber das eine wollen wir uns heute gegenseitig in die Hände geloben, daß wir, ganz gleich wohin wir auch in den nächsten Tagen und Wochen verschlagen werden, in die Gefängnisse, Zuchthäuser, Konzentrationslager oder in die Emigration, uns selber treu bleiben werden. Wir werden keine Konzessionen machen und überall dort, wo ein Geßlerhut aufgesteckt wird, in schweigender Verachtung verübergehen." Eine Woche später, in der Nacht zum 28. Februar 1933, wurden alle Redner dieses Abends verhaftet. Ossietzky, gewarnt durch den SA-Diener Harry Graf Kesslers, nach einer bis tief in die Nacht währenden Diskussion, floh nicht. Die Mischung aus Stolz und Hilflosigkeit verrät auch, nach wie vor, tiefstes Nicht-Verstehen der Ereignisse.

In seiner knarzigen preußischen Haltung hatte Ossietzky vor, während und nach seiner ersten Haft keinen von denen geschont, auf deren Gnade er allenfalls angewiesen war – nicht den Reichswehrminister, nicht den Innenminister, nicht vor allem Hindenburg; wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, war während des Wahlkampfs 1932 deutlich Ossietzkys Erkenntnis und Parole: "Da kein sozialdemokratischer Kandidat vorhanden ist, muß ich schon für den kommunistischen stimmen. Wahrscheinlich werden viele, die ähnlich denken, ebenso handeln. Man muß festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei und kein Höchstmaß von Erwartungen. Linkspolitik heißt die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andre ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion."

Es ist atemabpressend, diese verhängnisvollen Monate, ein auf den Abgrund zurasendes Rad, im Spiegel von Ossietzkys Analysen zu verfolgen; man ertappt sich dabei, zu denken: "Hört denn keiner zu – liest denn keiner? Denkt denn keiner?"

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Doch als Carl von Ossietzky in den Verliesen des KZ verschwand, sah auch (fast) keiner hin. Ja: die KZ, von denen bis auf den heutigen Tag geschwafelt und weißwäscherisch gesagt wird: "Davon wußten wir nichts." Die das sagen, hatten sich offenbar entschieden. Sie fragten nicht, wo Erich Mühsam geblieben war, und sie lasen keine ausländischen Zeitungen, in denen ausführlich Ossietzkys Fall dargestellt war, zumal alsbald eine weltweite Kampagne für die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn begann; man beschränkte also seine Lektüre auf den Berliner Lokalanzeiger, der am 24. Mai 1933 wußte: "Die Häftlinge leben kaum anders als in der Kaserne" – eine Generosität, die dem Berliner Tageblatt Sorge machte. "Die gottesdienstliche Betreuung sowie der Unterricht und die Hausordnung entsprechen den Üblichkeiten eines Internats."

Es gab auch anderes zu lesen. 1934 war Deutschland noch nicht abgeriegelt, man konnte reisen, es gab freien Postverkehr, es gab sogar Telephon. Deswegen sage ich: Es ist nicht wahr, daß man nicht hätte wissen können, wenn man hätte wissen wollen. Glaubt ihnen nicht, die sich zur Nicht-sehen-, Nicht-hören-, Nicht-sprechen-Attitüde entschlossen hatten. Es ist herzzerreißend, den Bericht zu lesen, der im Juni 1934 in der (Wiener) Neuen Weltbühne erschien: "Ossietzky wurde als Landesverräter und, trotz rein arischer Abstammung, als Jude und Judensau besonders maltraitiert. Die Gefangenen traten auf dem Hof zum Dienst an. Carl von Osssietzky wurde im Laufschritt umhergejagt, mußte sich hinwerfen, aufstehen, wieder hinwerfen, wieder aufstehen. Betrunkene SA-Leute ließen sich das Vergnügen nicht nehmen, hinter ihm herzulaufen und Ungeschicklichkeiten Ossietzkys durch Schläge oder Fußtritte zu bestrafen. Oft vermochte sich Ossietzky kaum noch zu erheben, stumm lag er da, ohne Protest, ohne seinen Schmerz zu äußern. Solche Augenblicke benutzte der Sturmführer Bahr, ihn mit den Füßen zu stoßen und zu brüllen: ‚Du polnische Sau, verrecke endlich!‘ Wenn sich Ossietzky erhob, wurde er wieder geschlagen und getreten. Einige Wochen wiederholten sich solche Szenen auf dem Gefängnishof." Das Prügelpack – sie hätten auch Albert Einstein bespuckt und auf Thomas Mann eingedroschen und Bertolt Brecht in die Pfützen geschlagen – hatte doch Frau? Mutter? Cousine? Onkel? Denen haben sie immer nur von netten Skatabenden erzählt? Ich glaube kein Wort davon. Gerne wüßte man ja, was aus so einem Herrn Bahr nach 1945 geworden ist – vermutlich ein persilscheinweißer Geographielehrer, pensionsberechtigt; oder auch Stasi-Oberst. Diese Akten sollen ja geschlossen bleiben – "Nun hören Sie doch mit diesen alten Kamellen auf"...

Die Akte Ossietzky ist offen. Sie umfaßt die acht Bände dieser Ausgabe. Und die Verleihung des Friedensnobelpreises 1936 war nur mehr ein Siegel. So tapfere Männer wie Knut Hamsun – noch 1929 hatte Ossietzky ihm zum 70. Geburtstag gratuliert – werfen all ihr Gewicht in die Waagschale, um die Auszeichnung zu verhindern: "Dieser eigentümliche Friedensfreund dient nun seiner Friedensidee, indem er ständig ‚unbequem‘ gegen die Behörden seines eigenen Landes ist! ... Wäre es nicht besser, wenn Herr Ossietzky in dieser schweren Übergangszeit, wo eine ganze Welt gegen die Behörden des großen Volkes, dem er zugehört, die Zähne fletschten, einen positiven Einsatz leistete?"

Da wären wir fast in der Gegenwart, etwa bei Martin Walsers neuer "Gallistl’scher Krankheit", die ihn (m)einen Satz "Man macht doch keine Kumpanei mit Lumpen" höhnen läßt; Leben heißt aussuchen – ich suche mir zu Hamsuns Widerwärtigkeit einen besseren Autor aus, Kurt Tucholsky: "Eine Lumperei kann auch mit keiner noch so schönen Kunst aufgewogen werden... Ich kann seine Bücher nicht mehr anfassen."

Pathos ist in einer Zeitung nicht erlaubt, heißt eine eiserne Journalistenregel. Also erlaube ich mir Pathos: Als Carl von Ossietzky am 4. Mai 1938 starb, schwer krank entlassen in die Gruft eines Gestapo-überwachten Spitals und von einem Hochstapler um das Nobelpreisgeld geprellt, war es Mord. Sie haben einen der großen deutschen Publizisten umgebracht, einen, wie wir ihn vielleicht nach Börne nicht mehr hatten. Maud von Ossietzky hat sein Ende – und den Beginn unserer Schande – festgehalten: "Eine Totenfeier durfte nicht stattfinden. In der Kapelle des Krematoriums in der Gerichtstraße fanden sich nur der Arzt, dessen Frau, dessen Mutter und ich ein, begleitet von drei Beamten der Gestapo. Es war ein stummer Abschied. Kein Redner sprach, kein Freund rief dem Toten ein Wort des Gedenkens nach, nur eine leise Musik hatte die Gestapo erlaubt."

Die Edition

Sie ist, erarbeitet von mehr als einem Dutzend Herausgebern und finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, eine überwältigende Leistung; allerdings auch im Doppelsinne des Wortes. Schlichtweg lesen kann man in den Bänden nicht; man kann allerdings mit ihnen arbeiten. Der Quellen-, Anmerkungs- und Indexapparat ist von nahezu hybrider Akribie; mag sein, ein Triumph moderner Editionstechnik – benutzerfreundlich ist das nicht. Zwei Beispiele:

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Sucht man jenen Hamsun-Artikel im Dokumentenband (VII), so findet man ihn auf Anhieb nicht, weil der Band – wie alle Bände – keinen Namensindex hat. Entweder man tastet sich die Chronologie zurück – "das muß doch etwa Herbst 1935 gewesen sein" –, oder man muß den Registerband (VIII) holen. Dort allerdings findet man wunderschön-wissenschaftliche Siglen (VII [D538] passim); nur eines findet man nicht, den einfachen Hinweis: Band VII, S. 675. Nun hat man also zwei Bände auf dem Tisch. Gleich werden es drei sein.

Ich suche nach jenem Walter Kreiser, Autor des inkriminierten Weltbühne-Artikels "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" (der zum Walter Kreiser/Carl von Ossietzky-Prozeß führte) vom 12. März 1929. Also Band VI. Der Band hat keinen Namensindex. Also Band VIII. Dann finde ich, neugierig auf mehr über Kreiser, in der ersten Anmerkung zu Carl von Ossietzkys Artikel "Ich Landesverräter" den Hinweis "Zur Person Kreisers ... Band VII". So wird man zum Jongleur-Künstler mit drei Büchern, zum Teil über tausend Seiten stark.

Wie hieß doch das Land des Glasperlenspiel-Meisters Josef Knecht? Kastalien. Ist das der neue Name des Bundeslandes, in dem die Universität Oldenburg liegt – an der man jetzt vermutlich zum "Magister Ludi" promovieren kann?

  • Carl von Ossietzky:

Sämtliche Schriften

Herausgegeben von Werner Boldt, Dirk Grathoff, Gerhard Kraiker, Elke Suhr unter Mitwirkung von Rosalinde von Ossietzky-Palm; Kassette mit acht Bänden;

Rowohlt Verlag, Reinbek 1994; 248,– DM