Von Haug von Kuenheim

Der Abschied fällt ihm sichtlich schwer, mag er auch mit Vehemenz das Gegenteil behaupten. Heinrich Pfeiffer, Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, wird in knapp vier Wochen 68 Jahre alt. Fast vierzig Jahre lang war er die Seele dieser Institution, ihr uneingeschränkter Herrscher zugleich – das müßte reichen, sagen denn leicht seufzend seine Mitarbeiter und warten mit einer gewissen hoffnungsfrohen Spannung auf den Neuen.

Hans-Dietrich Genscher will Pfeiffer vier Tage vor Heiligabend in einer kleinen Feierstunde in den Räumen der Stiftung – sie residiert in Bad Godesberg – „würdigen“, wie es in der Einladung heißt, und dazu wird ihm der designierte Nachfolger mit seiner Familie das Klarinetten-Quintett A-Dur, Köchel-Verzeichnis 581, vorspielen. Doch das alles interessiert Heinrich Pfeiffer herzlich wenig, er blinzelt und zuckt mit der buschigen Augenbraue. Irgendwie wirkt er verschmitzt.

Einem Wirbelwind gleich fegt der Generalsekretär durch das Gebäude der Stiftung – „Nein, dies wird nicht mein neues Büro, sie wollen mich nicht so nahe haben“ – und steht schließlich in einem großen Raum, von dem er bald weiter seine Kreise durch die Humboldt-Welt ziehen wird. „Eine Sekretärin muß ich mir nur noch organisieren“, sagt er und zeigt mit der Geste eines stolzen Grundbesitzers auf das Areal der Stiftung. Grundstücke, Gebäude und Geld hat er rangeschafft, und wenn sein Besucher ihn richtig verstanden hat, fallen die umliegenden Gebäude eines Tages ihm auch noch zu.

Ihm – das ist die Stiftung. Das ist seine Erfolgsstory, sein Lebenswerk, und keiner streitet es ihm ab. Verheiratet ist er mit der Stiftung, Bigamist gleichsam, denn Edith, seine standesamtlich Angetraute, hat sich ins Unvermeidliche gefügt. Die Präsidenten der Stiftung, von Werner Heisenberg über Feodor Lynen und Wolfgang Paul, Nobelpreisträger alle drei, parierten ihm aufs Wort, und auch der derzeitige Präsident, Reimar Lüst, tut das Gebotene. Und Fahrer Thomas weiß nur eines sicher: Sieht der Wochenplan vor, den Generalsekretär nach X zu fahren, so schnaubt dieser: „Wieso nach X, fahr nach Y!“ Seinem „Du“ können sich weder Fahrer noch Präsident entziehen.

Als Heisenberg Pfeiffer 1956 zum Generalsekretär machte, war dieser noch keine dreißig Jahre alt. Seine Begabung, immer etwas schneller als andere zu sein und Zögern für ein Fremdwort zu halten, hatte ihn als Studenten nach Schweden gebracht und in die USA, ließ ihn rasch promovieren. Philosophie und Pädagogik waren die Fächer, Lehrer wurde er und Assistent an der Hochschule für Internationale Pädagogik in Frankfurt am Main. Die Amerikaner, auf den fixen Burschen aufmerksam geworden, machten ihn zum Leiter der Fulbright Commission in Deutschland, die Stipendien an deutsche Studenten vergab. Von hier holte ihn Heisenberg. Heinrich Pfeiffers Augen müssen geglänzt haben, und wahrscheinlich zog er einmal kurz die buschige Braue hoch. „Einen Acker hat man mir übergeben, unbestellt und ohne Unkraut“, sagt er heute im Rückblick.

Eine Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit konnte ihren Anfang nehmen. Die traditionsreiche Alexander-von-Humboldt-Stiftung wurde vor genau 41 Jahren, im Dezember 1953, wiederbelebt, Konrad Adenauer als Außenminister unterzeichnete die Urkunde, nach der „hochqualifizierten Akademikern ohne Ansehen des Geschlechts, der Rasse, Religion oder Weltanschauung durch die Gewährung von Forschungsstipendien und Forschungspreisen die Möglichkeit gegeben wurde“, in Deutschland zu forschen.