„Ausgerechnet jetzt“, sagt Max Peter Baumann, der Direktor des IITM, „will man in unserem schönen monokulturellen Garten voller Sonnenblumen die einzige Silberdistel, die es dort gibt, ausreißen. Diese Silberdistel ist aber der einzige Ort, an dem reflektiert werden kann, was denn eigentlich ‚das Andere‘ bedeutet.“ Eine Million Mark bezahlte bisher der Berliner Kultursenator an das Institut, einen eingetragenen Verein mit zwölf Mitarbeitern, darunter fünf Wissenschaftlern – eine vergleichsweise geringe Summe, die zudem schon seit Jahren nicht aufgestockt wurde. Jetzt will Roloff-Momin das Institut nicht weiter fördern.

Die Begründung des Kultursenators für die geplante Schließung Ende 1995, sagt Max Peter Baumann, sei fragwürdig: „Er hat gesagt: ‚Sie sind in der Förderung ein marginaler Bereich, und wenn die Finanzkasse knapp wird, dann müssen wir uns auf das zurückziehen, was die Grundidee der Förderung des Kultursenators ist.‘ Das heißt auf gut deutsch: Gefördert wird die Hochkultur. Es ist wie überall: Man holt das Geld immer bei den Kleinen, weil man vermutet, da sei der geringste Widerstand.“

Doch der Widerstand gegen die Schließung regt sich. Mehr als 130 Institutionen (von Canberra über Islamabad, Tokio, Harare bis Lima, vom National Research Institute in Papua-Neuguinea bis zur Harvard University und der University of Jyväskylä in Finnland) haben an den Berliner Bürgermeister appelliert, das Institut zu erhalten. Der Komponist György Ligeti bezeichnet in einem Offenen Brief in der Süddeutschen Zeitungdie Entscheidung als „unverantwortlich“ und „barbarisch“. Und vor kurzem forderten alle Fraktionen im Kulturausschuß des Roloff-Momin auf, die Zukunft des IITM und damit die „Pflege, Verbreitung und wissenschaftliche Bearbeitung von traditioneller Musik“ zu sichern.

An diesem Punkt wird die Sache kompliziert, denn wer soll die Arbeit künftig sichern – die Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten oder die für Wissenschaft und Forschung? Wer ist zuständig? Oder besser, weil fürs jeweilige Ressort billiger: Wer darf behaupten, er sei nicht zuständig?

An der wissenschaftlichen Leistung des IITM wird nicht gezweifelt. Die Publikationen – zum Beispiel die dreimal jährlich erscheinende Zeitschrift The World of Music und die Buchreihe Intercultural Music Studies – haben eine große internationale Reputation. Doch musikethnologische Forschungen und Vorlesungen gibt es in Berlin auch an der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der Hochschule der Künste. Das Staatliche Institut für Musikforschung beherbergt ein bedeutendes Musikinstrumenten-Museum, und auch die musikethnologische Abteilung im Museum für Völkerkunde hat einen ausgezeichneten Ruf.

Und es gibt – jenseits der Wissenschaft – diverse Veranstalter, die Konzerte mit außereuropäischer, traditioneller Musik professionell und erfolgreich organisieren, im Hause der Kulturen der Welt zum Beispiel, im Tempodrom oder im Zusammenhang mit dem neuen „Multi-Kulti-Programm“ des SFB. Entsprechend heftig rangelt man im Hintergrund um Einfluß, Geld und Marktanteile.

Hier die Wissenschaft und dort die Konzertveranstalter und Plattenfirmen, die das starke Interesse der Öffentlichkeit an außereuropäischer Musik/traditioneller Musik/traditioneller Volksmusik/Folklore/Weltmusik befriedigen. Das IITM also die einzige Silberdistel inmitten einer Sonnenblumen-Monokultur, wie es der Direktor Max Peter Baumann sagt? Ein schöner Vergleich, doch er ist falsch.