Von Ludwig Siegele

Der Wind, das wissen vor allem Brückenbauer, ist nicht immer ein himmlisches Kind. Im Jahre 1940 brachte eine Böe von nur sechzig Stundenkilometern die Tacoma Nerrows Bridge im amerikanischen Bundesstaat Washington zum Einsturz – nur wenige Tage nach der Einweihung. Und der Wind brach damit nicht nur die Karriere, sondern auch das Herz des Baumeisters Leon Moissieff. Kurze Zeit später starb er an Verzweiflung.

An das Ereignis werden Ingenieur Philippe Leger und seine Kollegen sicher denken, wenn am 20. Januar 1995 ihr Pont de Normandie mit großem Pomp und Premierminister eingeweiht wird. Denn der Bau ist mit 856 freischwebenden Metern die größte Schrägseilbrücke der Welt. Und er steht an der Seinemündung bei der nordfranzösischen Hafenstadt Le Havre – eine der stürmischsten Ecken des Landes.

„Das sind etwa hundert Stundenkilometer. Damit wird die Brücke locker fertig“, schreit Leger. Freiluftinterviews mitten auf seiner Brücke dürften immer mühsam sein. Aber dafür ist der Ausblick oft klar: vorne der aufgewühlte Ärmelkanal, rechts die häßlichen Raffinerieanlagen von Le Havre, links der hübsche Flecken Honfleur und im Rücken die alte Brücke von Tancarville, fünfzehn Kilometer flußaufwärts. Rund sechs Millionen Fahrzeuge quälten sich 1993 über sie. Wer von Le Havre nach Honfleur fährt, muß derzeit einen Umweg von einer halben Stunde in Kauf nehmen. „Das hat die wirtschaftliche Entwicklung der Region stark gehemmt“, versichert Jean-Pierre Bonon, Präsident der Industrie- und Handelskammer von Le Havre, dem Bauherrn der Brücke.

Hinzu kommt ein überregionales Argument, denn mit der Brücke wird der atlantische Bogen weiter geschlossen: eine Autobahnverbindung entlang der Atlantikküste von Dünkirchen über Bordeaux nach Biarritz. Wenn in einigen Jahren die Autobahnanschlüsse fertig sind, dann muß niemand mehr über Paris fahren, um von Belgien nach Spanien zu kommen.

Von weitem sieht der Pont de Normandie aus wie vier aneinandergelegte riesige Harfen, größer als der Kölner Dom: In erstaunlich flachem Winkel gehen die Stahlkabel rechts und links von den beiden 214 Meter hohen Betonpylonen ab. Schrägseilbrücke nennen die Ingenieure diese Konstruktionsweise – im Gegensatz zur Hängebrücke, bei der die ganze Last an zwei durchgehenden Seilen hängt, die tief an den Ufern verankert werden müssen.

Deswegen waren die sonst sehr einfallsreichen französischen Eliteingenieure nicht in der Lage, zwischen Le Havre und Honfleur eine klassische Hängebrücke zu bauen: Die nötigen tonnenschweren Ankerblöcke hätten bei dem Untergrund aus Sand und Geröll an der Seinemündung Unsummen gekostet. Schrägseilbrücken sind da wesentlich anspruchsloser: Sie halten sich selbst im Gleichgewicht – wie eine alte Waage.