Von Fredy Gsteiger

Wann immer Mohammed Arkoun schreibt, muß er sehr aufpassen. Sein muslimisch-arabisches Publikum versteht ihn häufig nicht. Seine westlichen Leser mißverstehen ihn gern. Und religiöse Eiferer, die ihn sehr wohl verstehen, bedrohen ihn.

Denn Arkoun, gebürtiger Algerier, der in Frankreich lebt und an der Nouvelle Sorbonne in Paris, aber auch in Amsterdam, Berlin und Philadelphia lehrt, ist einer der schärfsten und scharfsinnigsten Kritiker islamistischer Tendenzen. "Natürlich habe ich Angst", räumt er ein. Aber der 66jährige sagt es gelassen. Vor einiger Zeit wollte er in einer französischen Zeitung über Taslima Nasrin schreiben, die Schriftstellerin aus Bangladesch, die sich mit den Islamisten angelegt hat. Doch er hat schließlich darauf verzichtet. Was hätte er denn geschrieben? "Taslima Nasrin ist ist Gynäkologin und versteht wenig vom Islam. Ihr Buch entbehrt jeden historischen und kulturellen Verständnisses. Es ist ein Aufschrei, der keine Rücksicht nimmt auf die aufgepeitschten Leidenschaften in vielen islamischen Ländern."

Natürlich wäre Mohammed Arkoun mit diesem Einwand sogleich als Traditionalist bezeichnet worden. Dabei ist er ein Kämpfer für freie Meinungsäußerung, ja, er versteht sich gar als "militanten Feministen". Aber er fordert zugleich, mit der Redefreiheit verantwortungsbewußt umzugehen: "Man muß ständig daran denken, was man mit seinen Worten in einer Gesellschaft anrichtet." Daran habe auch Salman Rushdie zu wenig gedacht. "Er schrieb für ein westliches, ein aufgeklärtes Publikum." In der muslimischen Welt jedoch würden seine großartigen "Satanischen Verse" als Angriff auf den Propheten verstanden: "Das Heiligste einer Religion anzugreifen oder in Frage zu stellen ist stets höchst gefährlich. Es hat Europa jahrhundertelange blutige Kämpfe gekostet, bis dies möglich wurde – und noch immer haben sich christliche Eiferer nicht damit abgefunden, daß der Absolutheitsanspruch der Kirche nicht mehr gilt. Und welcher Aufschrei ging durch Frankreich, als der Musiker Serge Gainsbourg mit der ‚Marseillaise‘ Schindluder trieb."

Noch könne die muslimische Welt nicht wirklich mit Kritik umgehen. In der arabischen Sprache fehlten Worte wie "Kritik" oder "Vernunft", wie wir sie verstehen. "Wir dürfen also kritisches Denken nicht voraussetzen, wir müssen es überhaupt erst einführen." Mit Provokationen im Stile eines Rushdie sei das nicht zu schaffen.

Für Mohammed Arkoun gibt es daher nicht nur feige, sondern auch weise Selbstzensur. "Wir fordern zu Recht Demokratie, Menschenrechte und Frauenbefreiung. Aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, wenn das Zeit braucht." Schließlich habe auch Frankreich erst 1945 das Frauenwahlrecht eingeführt. "Wir müssen in historischen Zyklen denken – und im Interesse übergeordneter Ziele mitunter schweigen oder uns milder ausdrücken, als uns lieb ist." In Algerien oder Tunesien würde er anders schreiben als hier. Um fruchtlose Konfrontationen zu vermeiden, verzichte er häufig darauf, die Regime in islamischen Ländern frontal zu attackieren. Ja, er zögere gar, mit dem Finger auf Islamisten zu zeigen: "Aber ich sage weiterhin die Wahrheit, ich plädiere für Offenheit und beharre auf historischer Richtigkeit und intellektueller Redlichkeit." Seine Mittel paßt er an, doch von seinem Ziel rückt Arkoun nicht ab: den Islam aus seiner jahrhundertelangen Knechtschaft durch die Macht und verstockte Religiöse zu befreien und wieder an die uralten Wurzeln des islamischen Humanismus anzuknüpfen. Er weiß, der Weg dahin ist weit.

Wer heute behaupte, im Islam gäbe es keine Trennung zwischen dem Weltlichen und dem Geistlichen, schildere zwar den Status quo, verkenne jedoch, daß dieser auf die verhängnisvolle Geiselnahme der Religion durch die Politik zurückzuführen sei. Viele von denen, die den Islam für sich reklamieren, mißbrauchten den Koran als politische Waffe. Die enormen sozialen Spannungen, der politische Terror und die Unterdrückung jeglicher Oppositionsströmungen helfen den Islamisten in ihrem Machtstreben. Arkoun erinnert daran, daß der Schleier, im frühen Islam längst verschwunden, heute keineswegs mehr ein Ausdruck der Religion ist, sondern der Politik. "Die Islamisten sind stark. Denn sie täuschen simple Rezepte vor, wie sie der liberale Intellektuelle nicht zu bieten vermag." Sein Urteil ist hart: "Seit 1945 gibt es keinerlei Liberalität mehr in der arabischen Welt." Entsprechend schwer falle die Rückbesinnung auf den islamischen Humanismus. "Doch wer gibt ihm eine Stimme? Wer unterstützt jene Intellektuellen, die sich dafür einsetzen in ihrer äußerst heiklen Rolle? Fänden sie mehr Widerhall, bekämen ihre Worte endlich Gewicht." Es erhöben sich mehr kritische arabische Köpfe. Statt dessen litten sie alle – und er selber – unter dem Vorurteil, nicht "repräsentativ" zu sein. "Man gesteht uns zu, es gut zu meinen, aber leider, so heißt es dann, kämpften wir allein auf weiter Flur. Wäre ich also repräsentativ für mein Volk, wenn ich die Meinung eines Diktators teilte, der sein Volk unterjocht?"

Arkoun, der sonst in seiner hellen, dezent eingerichteten Pariser Wohnung gemessen doziert, ereifert sich, sobald er über das Zerrbild der Muslime im Westen spricht. "Wann immer in einer Fernseh-Talk-Show ein Muslim gesucht wird, holt man einen Imam, am liebsten einen ganz besonders Verbohrten. Das Publikum sieht dann in diesem sogenannten Vertreter muslimischen Denkens eine Fratze des wahren, toleranten Islams und denkt notgedrungen: da ist jeder Brückenschlag aussichtslos." Das sei natürlich spektakulärer, als vom wahren, humanen Islam zu sprechen. Genau mit diesem jedoch könne der Westen fruchtbar in einen Dialog treten. Doch will er das überhaupt? Mohammed Arkoun ist keiner, der muslimisches Unvermögen und arabische Ohnmacht mit Angriffen auf den "heimtückischen Westen" wettmachen will. Er wirft dem Westen nicht Bosheit vor, wohl aber selbstverschuldetes Unwissen, ja fahrlässiges Desinteresse. Natürlich müßten sich in erster Linie die Muslime besinnen, den Weg zum kritisch-rationalen Denken finden. "Dann wird der Islamismus, der keinerlei brauchbare Antworten gibt, für jeden sichtbar scheitern." Der Westen müßte allerdings auf diesem Weg entschieden mehr helfen als bisher. "Ausgerechnet die selbsternannten ‚Freunde des Islam‘ waren uns dabei keine große Hilfe, im Gegenteil. Sie haben sich mit den Vertretern der offiziellen Ideologie verbandelt statt beizutragen zu dessen Modernisierung. Sie wettern gegen den westlichen Imperialismus, als habe dieser alle unsere Probleme verursacht."

Mohammed Arkoun, zu dessen wichtigsten Werken ein Buch über den islamischen Humanismus im 10. Jahrhundert gehört, kämpft dafür, daß wenigstens in Frankreich die Islamstudien nicht in die Orientalistik abgedrängt werden, sondern die Geschichte und Philosophie des Islams auch in allen geisteswissenschaftlichen Fächern gelehrt wird. Das sei um so wichtiger, als eine freie wissenschaftliche Debatte in arabischen Ländern dort unmöglich sei. Doch das Interesse an seinen Vorschlägen scheint höchstens lauwarm. Man nehme in Kauf, "die fünfzehn Millionen Muslime in Westeuropa den Propagandisten zu überlassen."

Europa vergesse, daß der Islam bis vor 500 Jahren westliches Denken maßgeblich geprägt habe. "Es ist befremdlich, wenn Jürgen Habermas in einem Buch über die Moderne kein Wort über die islamische Moderne verliert, die es im Hochmittelalter gab." Unter dem Druck der wirtschaftlichen Konkurrenz werde selbst Frankreich, das einstige Bindeglied zwischen Nordeuropa und dem Mittelmeerraum, mehr und mehr nordeuropäisch und verleugne seine mediterrane Prägung. "Wir sind auf dem Weg in ein gefährliches kulturelles Analphabetentum, wenn wir die Bedeutung eines Raumes nur noch an seiner wirtschaftlichen Stärke und nicht mehr an seinem geistig-kulturellen Reichtum messen." Gerade Deutschland sollte sich darauf besinnen, daß Demokratie, Menschenrechte und Humanismus nicht das Erbe der Germanenstämme sind. Sie wurzeln im Mittelmeerraum, die heute so gerne belächelten oder aber pervertierten Religionen haben einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.

Die Scheidung zwischen Nordeuropa und dem Mittelmeerraum ist für Mohammed Arkoun eine der Hauptursachen dafür, daß sich zwischen Morgenland und Abendland ein Abgrund auftut, daß Christentum und Islam nicht aufeinander zugehen. Denn genau in dieser Region, wo die gemeinsamen Wurzeln der Zivilisation liegen, gründe auch die gemeinsame Zukunft.