In diesem Jahr feiert der kanadische Regisseur Atom Egoyan sein zehnjähriges Jubiläum als Geheimtip der Filmwelt. Sein neues Werk, „Exotica“, lief in Cannes im Wettbewerb; das ist dann schon nicht mehr ganz so geheim, „Exotica“ kann mit einer sehenswerten Liste von Zutaten protzen: einem Nachtclub, der so heißt wie der Film. Nackten Frauen, die auf Bestellung am Tisch für angezogene Männer tanzen. Mit einem Steuerfahnder (Bruce Greenwood) als schwitzendem Stammgast und einer Kindfrau, die mit offener Bluse nicht nur ihn zum Schwitzen bringt (Mia Kirshner).

Mit einem dunklen Geheimnis in beider Vergangenheit, einer Erpressung. Einem Komplott, einer Schlägerei unter eifersüchtigen Männern. Einer glänzenden Pistole in der Nacht. Tränen in einem Auto im Regen. Eiter schwangeren Nachtclubbesitzerin (Arsinée Khanjian), die durch verspiegelte Fenster ihr Publikum beäugt. Einem toten Kind... Das alles eingebettet in das Werk eines bekanntermaßen hochintellektuellen Regisseurs, eines neunmalklugen Kopftäters, auteur eines geheimnisvoll traurigen Œuvres, Arte-proof, 3sat-fähig. Ein geiler Kunstfilm also, da ist das Schwitzen im Angesicht blutjunger Mädchen erlaubt, „He“, rief der schmierige Zeitschriftenverkäufer an der Kasse durch den Laden, „was kostet ein Orgasmus?“ Und der Kunde Woody Allen stammelte: „Ich, äh, mache eine soziologische Studie.“

Noch nie hat sich Atom Egoyan so weit auf das Terrain des Melodramas vorgewagt. In seinen früheren Filmen (in „Traumrollen“ zum Beispiel oder „Der Schätzer“) blieb, wenn man die Story durch die handelnden Personen teilte, immer ein Rest. Ein Rätsel, weiße Flecken in einer aufwendigen Konstruktion, die Egoyans Schachfiguren haarscharf aneinander vorbeiführte und nie erklärte, warum sie einander so fremd blieben, Kühle Betrachtung und radikale Verfremdung waren Egoyans Haupttalente. In „Exotica“ verordnet er seinen Geschöpfen die berühmten und abgegriffenen großen Fernsehgefühle: Schuld! Liebe! Eifersucht! Und er verfällt auch noch darauf, sie alle lehrbuchartig aus restlos miteinander verknoteten Biographien zu begründen: Die schöne Christina, die vor dem Steuerfahnder Francis tanzt, ist seine Nichte, die früher als pickelige Babysitterin zu ihm ins Haus kam, bevor seine Tochter umgebracht wurde und Christina die Leiche fand, zusammen mit Eric, der heute schwer verliebt im „Exotica“ ihre sexy Schulmädchen-Tanznummer ansagt.

Je mehr Egoyan erklärt, desto nichtiger wird das Erklärte, desto mehr verschwimmt der Film mit dem Schicksalsschaum der großen Daily Soap auf allen Kanälen. Desto flacher werden die Figuren, flach wie Kitschpostkarten, mit hochgespannten hirnlichen Ambitionen wieder aufgepumpt zur erotischen – pardon! – soziologischen Studie über „Lust und Verlust“.

„Calendar“ hieß Atom Egoyans letzter Film, eine schöne kleine Komödie über Lust und Verlust im Angesicht alter armenischer Kirchen. In Deutschland hat er keinen Verleih gefunden, wird aber gelegentlich nach dem Spätprogramm im Fernsehen gezeigt. „Exotica“, Egoyans bisher schlechteste Arbeit, könnte, angesichts so vieler junger, nackter kanadischer Frauen, leicht seine erfolgreichste werden. Von diesem Film werden bleiben: ein prätentiöses Konzept und eine offene Bluse. Robin Detje