Von Oliver Junker

Die Entscheidung fällt in Es-Dur. Diese Tonart hatte nämlich Joseph Haydn angeschlagen, als er 1796 sein einziges Konzert für Solotrompete komponierte. Und wer an die neue Trompeten-Akademie zu Bremen will, muß dieses Konzert bis zum letzten Takt der Reprise beherrschen. Zur Aufnahmeprüfung haben sich im Bremer Packhaus die Großmeister des Trompetenfachs versammelt; sie wollen die größten Talente Europas aufspüren.

Über der Oberlippe der vier Herren prangt der Knutschfleck der Blechbläser, ein roter Halbmond, der bei allen emsigen Trompetern leuchtet. Alle sind weit gereist und spielen vor den bedeutendsten Orchestern der Welt; der Schwede Bo Nilsson, mit allen Raffinessen der Ansatztechnik vertraut, Pierre Thibaud, Professor am Pariser Conservatoire National Superieur de Musique, Konradin Groth, Erster Trompeter der Berliner Philharmoniker, und Otto Sauter, Erster Trompeter des Philharmonischen Staatsorchesters Bremen. Außer Sauter haben die Herren bereits ein Alter erreicht, in dem sie sich um das musikalische Erbe sorgen müssen. Aber wer ist des Erbes würdig, und wie wählt man ihn aus?

„What do you think, Bo?“ Bo grübelt: „Äh..., what do you think?“ Sollen die Prüflinge allen Ernstes fünf Pflichtstücke vorspielen, wie in den Bewerbungsunterlagen verlangt? Oder doch lieber nur ein paar Takte in Es-Dur? Sauter interveniert: sein Schüler, der neunzehnjährige Italiener! So talentiert, aber Haydn ist sein schwächstes Stück! Also schön, die Jury einigt sich: Erst Haydn, dann ein Stück freier Wahl. Ein Kandidat, von nervöser Atemnot geplagt, kommt gar nicht erst so weit. Nachdem er die Exposition dahingeschmettert hat, gibt er auf: „Ich denke, das war’s. Ich möchte Sie nicht weiter belasten“, erklärt er den vier Meistern. Die zeigen sich ungerührt: „Machen Sie den letzten Satz noch. Der ist nicht so anstrengend.“ Doch auch die Reprise mißlingt, der Kandidat entschwindet. „Poor guy. He had all the bad things you could have“, sagt Bo. – „He even does not know the piece“, sagt Konradin.

Einem Mann, der eigens aus Athen angereist ist, ergeht es nicht besser. Die Puste, die seinem Vorgänger ausging, zischt bei ihm ungenutzt am Mundstück vorbei. Immerhin gleicht seine Lunge während des Spiels einem Autoreifen: In beiden herrscht 1,5 bar Druck. Da der Athener nicht richtig ventiliert, wird die Trompete zum Blasebalg. „Im Piano etwas pappig“, befindet Konradin. – „I never heard him that bad“, sagt Bo, und ein Anflug schlechten Gewissens scheint ihn zu behelligen. Immerhin war er es, der den Griechen zu einem Vorspiel in Bremen ermutigt hatte.

Schließlich ein Soldat aus Würzburg, der beim hohen, dreigestrichenen Es entgleist und sich danach in den Sechzehntelläufen der Durchführung verirrt. „Normal braucht mer a Woch’, damit mer sich auf die Prüfung vorbereite konn, aber mei Chef hat’s mer verböte“, entschuldigt er sein Spiel. – „Versuchen Sie mal den Hindemith“, empfiehlt die Jury, doch nach wenigen Takten wird er unterbrochen: Ob sich der Kandidat schon mal eine Aufnahme der Hindemith-Sonate angehört habe? (zwölf Minuten „mäßig bewegte Trauermusik“). „Ja scho. I weiß, des is weit davon entfernt.“ Wegtreten. Aber wen zum Teufel werden die Meister in den erlauchten Kreis ihrer Schüler aufnehmen? „Zehn Stück, und nur die besten“, sagt Sauter, der bei seiner letzten Asientournee bereits drei talentierte Japaner ausfindig machte und ihnen gleich einen Platz in der neuen Akademie reservierte. Als im Oktober der erste Lehrgang startete, waren noch sieben Europäer dabei. 350 hatten sich beworben, nur 30 dürfen überhaupt vorspielen. „Die Leute müssen top sein“, schließlich werde ihnen ein „weltweit einzigartiges Studienangebot für talentierte Nachwuchstrompeter“ geboten. Sauter selbst war noch quer durch Europa gereist, um bei den Besten seines Fachs in die Lehre zu gehen. Nun hat er nicht nur seine ehemaligen Lehrer, Thibaud und Nilsson, nach Bremen geholt, sondern auch noch den russischen Trompeter Timofei Dokschidzer (laut Kurt Masur bereits am „Gipfel der Meisterschaft“ angelangt) und Allen Vizzutti aus Seattle, einen Spezialisten in Sachen Jazz.

So viel Prominenz ist teuer, und da machte sich die Freundschaft zu Werder Bremens Präsident Franz Böhmert bezahlt: Böhmert, Sportsfreund und Jazzfan in Personalunion, macht mit Sauter gemeinsame Sache. Die beiden gründeten eine Konzert-GmbH, die 250 000 Mark im Jahr erwirtschaften soll, um die Kosten der Akademie zu begleichen. Die offenbar gelungene Symbiose aus Fußball und Blasmusik fand selbst bei der taz Gnade: „Die Stadt und die in ihr wohnenden Pfeffersäcke sollten sich ein Beispiel nehmen“, empfahl sie denen, die sie deshalb nicht lesen. Nach dem Sponsor fand sich auch schnell die Räumlichkeit: das Lichthaus an der Weser, das alte Verwaltungsgebäude der Schiffswerft. Acht Jahre hätten dort „die Chaoten gehaust“, erzählt Sauter, nun werde eifrig renoviert, damit im nächsten Jahr die hohe Schule der Trompetenkunst beginnen kann. Drei Jahre werden die Eliteschüler in die Mangel genommen, jedes Jahr müssen sie 3000 Mark Schulgeld zahlen.