Zwei Lyriker, beide aus Bosnien. Doch es überwiegen die Unterschiede, die noch vor einigen Jahren kaum aufgefallen wären: Der Serbe Stevan Tontić hat Sarajevo verlassen und lebt seit 1993 in Deutschland, Izet Sarajlić ist Muslim und denkt nicht daran, woanders zu leben als in der Stadt, mit der er den Namen teilt.

Der 64jährige Izet Sarajlić und der 48jährige Stevan Tontić waren schon vor dem Krieg bekannt für ihre vordergründig einfachen, meist in freien Rhythmen geschriebenen Verse. Ihre Kriegsgedichte sind jetzt in Deutschland in bibliophilen Ausgaben erschienen: Izet Sarajlić’ Sammlung "Sarajevo" mit einem Einführungstext von Hans Magnus Enzensberger und Stevan Tontić’ "Handschrift aus Sarajevo", herausgegeben von Lutz Rathenow, sensibel illustriert von Reinhard Kleist.

"Sarajevo" sollte man von hinten lesen, mit den Gedichten aus den fünfziger Jahren beginnen und sich bis in die Gegenwart voranlesen. Manche Gedichte wirken dann wie Tagebuchaufzeichnungen, wobei zwei Gedichte eine besondere Geschichte erzählen: Im ersten aus dem Jahr 1987 erfahren wir, daß der Dichter zwei Schwestern hat, im späteren, daß die beiden im Kriegsjahr 1993 kurz hintereinander starben. "Irgendwo muß ich / eine neue Schwester finden. / Ich kann einfach nicht / nicht Bruder sein."

Sarajlić scheut sich nicht, Vojislav Šešelj und Josip Broz, Milošević-Söldner und die Tschetniks in den Gedichten beim Namen zu nennen. Der Autor rechtfertigt diese für Lyrik ungewohnte Aktualität: Man müsse am Montag über den Montag schreiben, denn schon am Dienstag könne es zu spät sein, erklärt er im Gedicht "Die Theorie der Distanz". Man kann darüber streiten. Aber wenn "seit tausend Tagen die Granaten die Grundmusik bilden", wird radikale Direktheit Zwang.

Bevor Stevan Tontić sich dieser tödlichen Musik entzog, erlebte auch er den Krieg in Sarajevo: zerstörte Straßen, zerschmetterte Schädel, Knochen, verstörte Kinder, Tiere, Stimmen und Seelen. Die "Handschrift aus Sarajevo" mit rund dreißig dokumentarischen Gedichten hatte Tontić vor seiner Flucht aus der Stadt herausgeschafft. Es sind – manchmal unerträglich realistische – lyrische Berichte. Da ist vom Bangen und vom Mangel die Rede, von einem freiheitsliebenden Hund und einer verletzten Katze, die nicht eingeschläfert werden soll, solange ringsum das Töten herrscht. Das Reiskorn wird von den Unterernährten als ein glückbringender Kristall gefeiert, andererseits hungert ein junger Mann absichtlich, aus Furcht vor der Mobilisierung: "ein Kilo Soldat trägt ein Kilo Eisen".

In die kritischen Töne über die neuen bosnischen Machtstrukturen mischt sich bei Tontić immer wieder die Wehmut über den plötzlichen Verlust der Heimat: "Ohne sich von der Schwelle gerührt, / ohne sich vom Rocksaum der Frau einen Zoll entfernt zu haben, / wachte ich in einem neuen Staat auf." Anfangs glaubte er "an die letzten Reste von Verstand", aber eines Tages entdeckt er: Die Veilchen in der Wohnung waren gewelkt, die Schlange schlief auf den Manuskripten, der Rabe krächzte über dem Küchentisch, der Mörder machte sich an das Nachbarmädchen heran. Hier war kein Bleiben mehr.

Heute teilt Stevan Tontić das Schicksal vieler Heimatloser. In dem Gedicht "Das Grab" beschreibt er seinen Standort: "Im Niemandsland, / in klingender Leere. / Frei von der Heimat, / frei von der Geschichte / ... In der klaren Sternenflamme. Im All."