In dieser Zeitung stehen so gut wie keine Artikel - und doch, so triumphiert ihr Gründer Ernst Chur, die Auflage steigt stetig. Das Blatt strahlt etwa so viel Charme aus wie das Kursbuch der Bahn - und doch, so freut sich Chur, die Leser-Blatt-Bindung ist ungewöhnlich stark; ständig riefen Abonnenten an, um sich Rat zu holen, oder einfach, um zu plaudern.

Dampf-Radio heißt das merkwürdige Druckerzeugnis, laut Untertitel die "einzige überregionale Hörfunkzeitschrift" Deutschlands. Das Blatt, im DIN-A5-Format gedruckt, erscheint wöchentlich und enthält auf 144 Seiten sämtliche Radioprogramme aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten - mehr als fünfzig pro Tag, bis hin zum sorbischen Programm auf MDR 1. Draußen bleiben müssen die Privatsender; die hätten ja auch keine Programme zu bieten, meint Chur. Etwas herablassend heißt es im Impressum, die Programmschemata einzelner Privatsender würden "von Zeit zu Zeit auf den letzten Seiten abgedruckt".

Um so mehr Platz wird den öffentlich-rechtlichen Programmen eingeräumt. Da werden nicht nur Titel und Anfangszeiten der jeweiligen Sendungen einfach aufgelistet, Dampf-Radio bietet auch detaillierte Informationen, vor allem zu den Klassik-Musikprogrammen. "Bei uns erfahren die Leser noch den Namen des letzten Solisten", sagt Chur. Im Anschluß an jede Tagesübersicht werden zudem ausgewählte Beiträge des Tages gesondert besprochen - Hörspiele, Reportagen, Konzerte. Die Texte sind allerdings keine Vorabkritiken, sondern Pressemitteilungen der Funkhäuser. Sollte es mit Dampf-Radio weiter aufwärtsgehen, wolle man sich auch bald eigene Kritiker leisten, sagt Mitherausgeberin Sigrid Münch.

Noch mutet die Herstellung von Dampf-Radio etwas konspirativ an. Tatort ist das kleine Eifelörtchen Kall nahe der belgischen Grenze. Hier steht das unauffällig wirkende, siebzig Jahre alte Fachwerkhaus der beiden Blattmacher. Hier basteln sie, ohne viel typographischen Aufwand, ihre Zeitung zusammen. Im nachträglich eingezogenen Keller stehen die Druckmaschine, die Falzmaschine und der von der Bundeswehr ersteigerte Papierschneider; drum herum lagern mehrere Tonnen Papier. Im ersten Stock sind Satzcomputer und zwei Rechner im Wert von je 80 000 Mark untergebracht. "Die Geräte hier haben einen höheren Wert als das Haus", sagt Chur.

Die Rundfunkprogramme werden von den Veranstaltern per Telefax übermittelt; fünf freie Mitarbeiterinnen, die in der Umgebung wohnen, tippen sie in Heimarbeit ins Redaktionssystem. Der Textumfang jeder Ausgabe entspricht etwa 600 Schreibmaschinenseiten. Mittwochs wird Umbruch gemacht, freitags werden die Hefte mit den Programmen der jeweils übernächsten Woche ausgeliefert - allesamt per Post. Dampf-Radio ist nur im Abonnement, nicht im Handel zu haben.

Das ist eine Lehre, die Ernst Chur aus seinem ersten Versuch gezogen hat. Bereits gegen Ende der siebziger Jahre hatte er eine Rundfunk-Programmzeitschrift gegründet und war an den hohen Kosten für Satz und Druck gescheitert, vor allem aber am Boykott der Pressegrossisten, die die Hefte einfach liegenließen und nicht an die Kioske verteilten. Chur verlor damals sein gesamtes Vermögen - seinen kleinen Verlag ebenso wie sein schönes Eigenheim.

Als er vor dreieinhalb Jahren mit Dampf-Radio einen neuen Anlauf unternahm, ging er daher auf Nummer Sicher und machte alles selber, vom Satz über den Druck bis zum Vertrieb. Nichts wollte er mehr anderen überlassen.