Sie wurden 1926 in Berlin geboren. Woran erinnern Sie sich noch aus den zwanziger und dreißiger Jahren?

PETER ZADEK: Wir wohnten in Wilmersdorf, und von unserem Balkon aus habe ich die Aufmärsche der Nazis gesehen. Ich war davon fasziniert. Meine Mutter hat mich vom Balkon in die Wohnung gezogen. Über uns wohnte ein Major von Tippelskirch, er trug eine schöne Uniform. Dieser Major hatte eine attraktive, blonde Tochter, die schöne Beine hatte. Sie lief immer die Treppen in die obere Wohnung hinauf. Die Beine von Fräulein Tippelskirch haben mich unheimlich interessiert. Sonst erinnere ich sehr wenig.

Nach Hitlers Machtergreifung sind Ihre Eltern nach England emigriert.

ZADEK: Meine Mutter wollte gar nicht von Berlin fort, aber mein Vater hatte sie unter dem Vorwand nach England gelockt, dort Ferien zu machen. Und dann blieben wir in London.

Sie sollten Ihrer Mutter ihren ersten Mann ersetzen.

ZADEK: (lacht) Das ist ein bißchen brutal gesagt. Alfred Lemm war ein expressionistischer deutscher Dichter, der 1919 gestorben ist. Die große Liebe meiner Mutter ist an einer Grippeepidemie gestorben. Meine Eltern haben sich über eine Heiratsannonce kennengelernt. Leider weiß ich nicht, wer die Annonce aufgegeben hat. Mein Vater hat mir das gebeichtet, kurz bevor er gestorben ist. Ich würde eher denken, daß er die Annonce aufgegeben hat, weil er frech war. Die Familie meiner Mutter war eine reiche, gutbürgerliche Bankiersfamilie. Ich war im Kopf meiner Mutter schon der Ersatz für diesen verlorenen Idealisten und Künstler.

War es für Sie ein Schock, als Ihre Eltern aus Berlin weggingen? Sie hatten Ihre Muttersprache, Ihre Freunde und auch Ihre Schulkollegen nicht mehr. Sie müssen in der ersten Zeit einsam gewesen sein.