Ein russischer Offizier brachte im vergangenen Dezember den Zwiespalt vieler seiner Kameraden im Tschetschenien-Krieg auf den Punkt: "Hier sind und bleiben wir die Sowjetarmee. Keiner versteht, warum Tschetschenien, das nur etwas mehr als hundert Jahre zu uns gehört, ein Teil Rußlands sein soll, während die baltischen Anrainer, über denen fast 300 Jahre die russische Flagge wehte, freie Staaten sein dürfen."

Dieser Widerspruch prägt die Politik Präsident Jelzins ebenso wie die Haltung des Westens. Beim Unabhängigkeitskampf der baltischen Staaten vor vier Jahren reagierten Westeuropäer und Amerikaner hochsensibel - und warnten Gorbatschow; doch angesichts des Flächenbombardements von Grosny erhebt sich nur leiser Protest. Der Kaukasus - ist er nicht schon immer russische Einflußsphäre gewesen? Dieses Denken hat viel mit machtpolitischer Opportunität zu tun, wenig mit den historischen Tatsachen.

Denn während etwa Riga und Tallinn schon 1710 durch Peter den Großen erobert wurden, konnten russische Truppen den Kaukasus erst im letzten Jahrhundert nach langen Kämpfen unter Kontrolle bringen. Zar Peter war zwar auch in die zerklüftete Bergregion zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer vorgestoßen, doch mußte Rußland die Eroberungen 1735 wieder abtreten. Erst unter Katharina der Großen ging man systematisch vor, ein Festungsgürtel wurde angelegt, Kosaken siedelten im Kaukasusvorland. Eine günstige Gelegenheit bot sich, als der georgische König 1783 aus Angst vor Persern und Türken die Protektion von St. Petersburg erbat. Ein Jahr später errichteten die Russen die Festung "Wladikawkas", deren Name ("Beherrsche den Kaukasus") die Marschroute für die nächsten Jahrzehnte festlegte.

Relativ leicht fiel die Umsetzung dieses Programms in Transkaukasien. Die christlichen Völker Georgiens und Armeniens suchten den russischen Schutz, denn jahrhundertelang waren ihre Länder immer wieder in Kämpfen zwischen dem Osmanischen und dem Persischen Reich besetzt und zerstört worden. In Kriegen gegen die Großmächte im Süden konnte Rußland Teile Aserbajdshans und Armeniens gewinnen. Der russische Traum vom "Zugang zu den warmen Gewässern" schien Realität werden zu können.

Ostgeorgien wurde 1801 endgültig annektiert, das Königreich abgeschafft. Das sei nur zum Besten der Georgier, erläuterte ein Manifest der russischen Regierung: "Nicht aus Habgier, nicht um die Grenzen des ohnehin schon größten Reiches der Welt weiter auszudehnen, haben wir die Last der Verwaltung des Georgischen Zartums auf uns genommen." Rußland gewährte Schutz, aber nahm die Unabhängigkeit, es richtete Schulen ein, aber zwang die georgische Kirche unter die Vormundschaft der russischen. Der Statthalter Woronzow erklärte, "das kleine Georgien" solle "im Stickrahmen Rußlands der schönste, farbigste und stärkste Brokat sein". Die Architekten des Imperiums arbeiteten dabei eng mit den lokalen adligen Eliten zusammen, die ihnen schließlich loyal dienten.

An derlei Kooperation war auf dem Großen Kaukasus nicht zu denken. Anders als in den Königreichen und Khanaten Transkaukasiens hatten die Russen es hier mit überwiegend muslimischen Stämmen, Clans und Dorfgemeinschaften zu tun, die oft egalitär geprägt waren wie zum Beispiel die Tschetschenen. Nicht selten legte ein "Ehrenkodex" den Männern Kriegs- und Raubzüge auf. Gastrecht stand ebenso hoch im Kurs wie Blutrache und Sippenhaft.

Auch wußten die Eroberer aus dem Norden nicht immer genau, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten. Die gorzy, die "Bergler", wie die Russen sie nannten, bestehen aus über fünfzig Volksgruppen mit weit mehr Sprachen oder Dialekten. "Berg der Sprachen" hießen die Araber den Kaukasus schon im Mittelalter. Er war schwer zu beherrschen, meist hatten sich Eroberer damit begnügt, seine Ränder zu kontrollieren. Doch für Rußland war das Gebirge von strategischer Bedeutung, lag es doch wie ein Riegel vor seinem Expansionsgebiet im Süden.