Ach, wie war es doch vordem - beinahe gemütlich war es in Bayern, in Bayerns Eisstadien. Da kriegte Reporter Sammy Drechsel noch die Androhung von Hausverboten, zumindest aber das Versprechen, bei seinem nächsten Erscheinen in Füssen, Garmisch oder Bad Tölz werde er mit Sicherheit "derschlagen". Sammy, der den guten Kerl so trefflich hinter seiner Kodderschnauze verbergen konnte, war irgendwie ein Berliner Kontrapunkt zum bayerischen Eishockey-Getümel. Nie wieder hat ein Rundfunk- oder Fernsehmann die schönen bayerischen Eishockeynamen Wackerle, Hobelsberger, Schnaitberger, Kühnhackl oder Unsinn so berlinerisch rausgeballert, daß man glauben mochte, das sind gar keine Bayern. Zu jener Zeit, so erinnert der Eishockeyhistoriker, war dieser Sport in Bayern genau das, was die Schickimickis in München gerne aus den verrückten Hunden gemacht hätten. Wo Eishockey war, da war in Bayern oben. Den EV Füssen regierte jahrelang in seiner erfolgreichsten Zeit eine leibhaftige Durchlaucht: Raffael Prinz von Thurn und Taxis. Beim SC Rießersee spielten in der Meistermannschaft der ersten Nachkriegsjahre nicht weniger als drei promovierte Akademiker.

Wo damals Eishockey war, da war zwar oben, aber die Volksnähe konnte keiner übersehen oder gar überhören. Fanden die Tölzer Lodenmäntel und Trachtenhüte bei ihren Fernfahrten ins feindliche Ausland Allgäu, daß Füssen, Füssen, Füssen "beschissen" sei, so revanchierten sich die Schwaben im Isarwinkel: Wenn's schaurig töne aus dem Gehölz, dann ". . . leckst mi am Orsch, de sind von Tölz".

Seit den Bayern die Lufthoheit über den deutschen Eishockeyfeldern verlorengegangen ist, spielen solche gefühlsseligen Erinnerungen keine Rolle mehr. Schön war die Zeit, sie ist nicht mehr. Die besten Bayern spielen nicht mehr in Bayern, sondern nördlich der Donau. Alle haben sie Heimweh, und deshalb, so lautete der bajuwarische Eishockeywunsch, würde es mit Hedos wieder aufwärtsgehen, und es könnte boarisch Bluat zu boarisch Bluat zurückfinden.

Dann dieser Sieg im Sturmlauf! Hedos aus dem Stand Deutscher Meister. Münchens drei (!) Boulevardzeitungen meldeten nur noch Halleluja. Die Funktionäre endlich in den Klatschspalten. Die jäh aus dem Münchner Gesellschaftskompost erstandene Hedos-Gemeinde schwamm im Glück. Die Spieler schwammen im Geld. Es muß Karl Valentin herhalten, um zu beschreiben, was hier los war: "Es geht nirgends so zu wie auf der Welt." Und dann also die ersehnte Mutation zum fletschenden Hund. Maddogs in town. Jetzt den dicken Wilhelm raushängen lassen. Nur noch mit den großen Hunden pissen. Die Bonzen vom FC Bayern kriegten plötzlich Gegenbonzen. Hatten vorher nur die Bayern und die Löwen vom TSV 1860 eigene Kolumnisten, so hatte jetzt auch Hedos solche. Kein Pup ohne Widerhall. Endlich war man wer. Endlich nicht nur die dicken Bayern mit ihren Personalsachen in der Zeitung. Nicht mehr nur die populären Sechziger mit ihren ewigen Nöten. Auch Maddogs verhandelt. Auch Maddogs kauft ein. Auch Maddogs diniert im Nobelrestaurant. Auch bei Maddogs gibt es VIPs. Ach was, Maddogs sind jetzt VIPs.

Den Realitätsverlust in seinem Lauf hätten bei den Maddogs nicht Ochs, nicht Esel aufhalten können. Die Bekleider von Ehrenämtern ließen sich zu Geschäftsgebaren hinreißen, das als Vorlage für eine Gesellschaftsposse für übertrieben erklärt würde. Der Betreiber einer Eishockeyklub München GmbH, der sich die Sanierung von Maddogs vorgenommen hatte, schmiß alsbald die Brocken hin. Josef Haider aus Garmisch erklärte: "Es hat keinen Sinn. Dauernd entdeckt man neue Leichen im Keller."

Ob der Konkursverwalter alle Leichen findet, darf bezweifelt werden. Haiders drastischen, aber im Detail unscharfen Darstellungen zufolge ist der Verein einerseits im verschwenderischen Gutsherrenstil, andererseits nach Art einer Ladenkasse von Tante Emma geführt worden. Das reicht von der Bezahlung der Stars in der Größenordnung von Industrievorständen bis zur nebulösen Spesenabrechnung, von einer Steuerschuld mit zuletzt drei Millionen Mark zu monatelang nicht bezahlten Spielergehältern. Bis zuletzt erhielt Sanierer Haider verschwommene Informationen: "Um es deutlich zu sagen: Die Basiszahlen waren einfach falsch."

Im Größenwahn, gewärmt von der Sonne öffentlicher Aufmerksamkeit, übermannt von der eigenen Größe, wollten ein paar zunächst wahrscheinlich Gutwillige die Bühne Sport zur Kulisse für ihre Ich-Stücke benutzen. Das ist nicht zum ersten Mal geschehen und wird das letzte Mal nicht sein. Insofern ist Sport ein starkes Stück Soziologie. Und zum Ursprung der Entwicklung und Struktur der menschlichen Gesellschaft gehört allemal auch der Sauladen.