Ich bin an diesem Hochhaus viele Male mit der Eisenbahn vorbeigefahren. Ich sah es wachsen, ich sah es eines Tages in voller Höhe, ich bemerkte aber auch, daß ich bisweilen daran vorbeisah, obwohl es doch unübersehbar ist. Tatsächlich hat es nichts, was sich attraktiv nennen ließe, es ist ein gänzlich schmuckloses Gebäude. Doch sobald man sich ihm zu Fuß nähert, es umrundet, bemerkt man, daß der hohe karge Bau ja nur einer, der größte eines Komplexes ist, aus dem sein eigentlicher Reiz erwächst, daß seine Figur und seine Höhe sich aber erst durch den langen, langgestreckten Platz erklären, der sich vor dem Dortmunder Hauptbahnhof erstreckt und dem Hochhaus nun einen visuellen Halt verdankt. Das Gebäude fällt einem schließlich auf, weil nichts daran auf Anhieb auffällt, es sei denn die kesse, tortenstückartige Spitze des niedrigeren Gebäudes, das ihm an der Straße, am Königswall, beigefügt ist und die leichte Rundung der Straße aufnimmt. Doch gerade dieser sechsstöckige Bau ist seiner Spitze wegen der ästhetisch auffälligste in diesem Ensemble.

Zuerst hatte ich kein gutes Gefühl, das Gefühl einer nicht erfüllten Erwartung. Mich irritierte zum Beispiel, daß das Hochhaus keinen Anfang und kein Ende hat; es fängt am Boden nicht richtig an, es hört eigentlich nicht auf, es bricht einfach ab. Es hat - noch extremer als eine dafür berühmte Variante, das CBS-Building von Eero Saarinen in New York - keine Basis wie eine Säule, die wir als Bild doch alle in unseren Köpfen mit uns herumtragen, keinen Sockel. Schlimmer noch: ausgerechnet der Sockelbalken, auf dem es "steht", ist halb so hoch wie die anderen Stockwerksquerbalken - das ist zwar konstruktiv erklärlich, aber formal ganz unbefriedigend: Das Auge zuckt! Und weiter: Das Hochhaus hat auch kein Kapitell, also kein sichtbares Dach, weder Gesims noch Giebel. Es ist 21 Stock hoch - was also verschlüge es, wenn noch zehn dazukämen, vorausgesetzt, die Konstruktion wäre stark genug dafür?

Doch so einfach ist es nicht. Das Hochhaus, das der Verleger Bodo Harenberg sich von dem Dortmunder Architekten Eckhard Gerber und dessen Partnern hat entwerfen lassen, hat eine Form, die sich nicht einfach verlängern oder verkleinern ließe, es geriete unweigerlich aus der Fasson. Jede Änderung, mit der der Bauherr immerhin rechnen können möchte, müßte präzise gestaltet sein. Und plötzlich merkt man, daß dieses Gebäude eben doch etwas hat, wonach die minimalste Spielart der Baukunst verlangt: Es gehorcht einem triftigen Maßstab, es ist so und nicht anders proportioniert, es ist weder zu hoch noch zu niedrig, nicht zu lang oder zu kurz, nicht zu dick und nicht zu dünn. Es hat, so wie es ist, "richtige" Maße, um mit dem angesetzten breiten gläsernen Fahrstuhl- und Treppenhaus, der sechsstöckigen Glashalle und dem ebenso hohen tortenstückförmigen Anbau an der Straße eine zueinander gehörende, aufeinander, aber auch auf die Stadt, auf den Bahnhofsplatz bezogene Gruppe zu bilden. Und das "Dortmunder U" dahinter, der gewaltige, als Baudenkmal geschützte Backsteinbau der Dortmunder Union Brauerei, für deren Umbau der Londoner Architekt Richard Rogers unlängst einen preisgekrönten städtebaulichen Entwurf angefertigt hat, spielt dabei doch auch eine Rolle. Der Ort jedenfalls verlangte nach einem Hochhaus, um den Rahmen des sehr langen Platzes zu schließen, aber auch als Pendant zu einem inzwischen modisch neu verpackten Hochhaus am anderen Ende. Auf den zweiten Blick ist man froh über diese außen sich so trocken gebende, herbe Architektur: keinerlei Dekor, nichts Aufgesetztes zur Verhübschung, nur der Schriftzug "Harenberg" oben auf der Dachkante, der einzige Kopfschmuck des Hauses, genauso sachlich wie die Architektur. Erst wenn man lange hinschaut, bemerkt man die Sorgfalt der Beschränkung, die präzise Auswahl der kargen Farben, und das heißt hier nichts anderes als die Auswahl der Materialien. Sie sind so elementar wie die architektonische Figuration: Beton, Metall, Glas, Holz - und, was sich nicht übersehen läßt: Licht. Folgt man den Spuren dieser Architektur, nähert man sich der alten "klassischen" Moderne, dieser erstaunlich frisch gebliebenen, nur so oft verdorbenen, deshalb verteufelten, bisweilen nur verschämt aufgesuchten oder hilflos gezuckerten Quelle: eine Architektur, die sich in gebauter Gestalt, nicht in Ornamenten ausdrückt, die sich auch auf die unendlichen Varianten verläßt, die in der elementaren Geometrie verborgen sind.

Der Architekt Eckhard Gerber ist damit an der Technischen Hochschule in Braunschweig bekannt geworden, wo unter anderem der damals schon von Legenden bekränzte Friedrich Wilhelm Krämer lehrte, der Freitag abends nicht nur Studenten und Kollegen, sondern auch wißbegierige Bürger in seinen Bildungssalon lockte, um sie mit der Baukunst bekannt zu machen. "Freitagsandachten" hießen diese Veranstaltungen bald. Darin war auch vom "Geheimnis der Form" die Rede, von der Hierarchie des vertikalen Aufbaus. Und interessanterweise bemühte Krämer als Analogie gern Poesie und Musik. Gerber hat nach dem Diplom schnell ein eigenes Büro gegründet und sich nach und nach einen guten, wenngleich keinen weithin schillernden Namen gemacht.

In den besten Entwürfen ist für den Architekten immer zweierlei wichtig: erstens ein Bauherr, der einen Bauwillen, aber auch einen Ausdrucksstolz hat, und zweitens ein Grundstück, das die Einfallskraft herausfordert oder sogar erleuchtet. Bei Bodo Harenberg kam noch der Vorsatz hinzu, nicht nur sich selbst einen Gefallen zu tun, sondern auch dem Ruf der Stadt, in der er gebaut hat: ein Werk der Architektur als eine moralische Operation zum Wohl der Allgemeinheit. Natürlich: in einem engagierten Bauherren steckt meistens auch ein Patriarch. Der Architekt Gerber hat das, wenn es um Kosten und Wünsche ging, sehr zu spüren bekommen; aber jedenfalls ist er nicht mit der Bitte um Gestaltungsnettigkeiten in Verlegenheit gebracht worden. Sein Bauherr bekam, was er wollte: ein Haus mit Charakter.

Doch wie stets bei Gebäuden, die die Aufmerksamkeit reizen, ist es nicht der Bau allein, der seine Qualität ausmacht, sondern es ist auch der Ort, ist die Umgebung, in die hinein er errichtet wird und wo er, wie das Harenberg-Hochhaus, mit ihr zusammen nun ein prägnantes, stadtstrategisch mit Verheißungen versehenes Quartier bildet. Und selbstverständlich haben die Bedingungen des Grundstücks dabei eine wichtige Rolle gespielt. Nur so ist dieses Gebäudetrio erklärlich: das einundzwanzigstöckige Hochhaus an der Eisenbahn; das spitze, schwach gebogene lange Dreieck des sechsstöckigen Seitengebäudes an der gekurvten Straße, für das sich schnell der Name Tortenstück eingebürgert hat; dazwischen die ebenso hohe Glashalle, die die Gebäude erschließt, die aber auch ein weitläufiges Souterrain einschließt.

Denn zum Anliegen des Bürgers Harenberg gehörte es, sein Haus den Dortmundern für kulturelle Ereignisse zu öffnen, zum Beispiel für Ausstellungen (zur Zeit sind dort, noch bis zum 5. März, Skulpturen und Zeichnungen von Alfred Hrdlicka zu sehen). Deswegen hat er im Tortenstück oben ein Bistro und unten einen Saal für zweihundert Besucher bauen lassen, im Hochhaus nebenan wiederum einen großen Festsaal in zwei ineinander übergehenden Geschossen für Messen, Ausstellungen, Bankette, Bälle. Und nicht zufällig heißt der mit seiner strengen Form an japanische Gärten erinnernde parkartige Hof hinterm Haus Skulpturengarten: mit Plastiken als Leihgaben.