Ihr macht im Moment eine schwere Zeit durch", sagt der alte Mann, "aber wenn wir euch helfen können, dann tun wir das natürlich." Er ist über Achtzig, und er kann den jungen Kameraden gut verstehen, der, Polizei und Verfassungsschutz an den Fersen, mit einem "Gruß aus der Reichshauptstadt" an ihn vermittelt wurde. Eine jüngere Frau serviert Kognak und Kekse. "Meine Kameradin", stellt der Alte sie vor. Doch bevor es gemütlich wird, schreitet der Gastgeber zur Prüfung: die Namen der wichtigsten SS-Verbände, das Verhältnis zwischen SS, SA und Wehrmacht, die wichtigsten Daten im Leben des Führers, die entscheidenden Schlachten des Weltkriegs, die zweite Strophe des Horst-Wessel-Liedes - erst nach einer Viertelstunde ist der alte Nationalsozialist überzeugt, daß er es bei seinem Besucher mit einem waschechten Nachwuchsnazi zu tun hat. "Ich war SS-Mann, und ich bin SS-Mann", betont der Greis, der ungebeugt an seinem riesigen Eichenschreibtisch sitzt. "Der Bund der SS hält ein Leben lang." Und wahren Gesinnungsgenossen hilft er natürlich aus der Patsche.

Der Alte breitet eine Weltkarte aus: Auf einer Farm in Paraguay sei der junge Kamerad am sichersten untergebracht. Und dann wäre da noch eine Alternative: "Falls du wirklich entschlossen bist, schick' ich dich nach Südafrika. Die weiße Untergrundbewegung kann zwar im Moment nicht mehr sehr viele neue Leute aufnehmen, aber ein paar von euch können da schon noch was lernen."

So weit kam es dann am Ende doch nicht - der junge Kamerad war ein getarnter Journalist. Doch der SS-Mann war echt. Und eine Szene wie diese ist kein Einzelereignis in der Lebenswelt der alten und neuen Nazis. In einer verwinkelten Gasse in der Altstadt von Nizza beispielsweise erhalten Neonazis gegen Bargeld und Empfehlungsschreiben innerhalb von 24 Stunden ein Flugticket und einen neuen Paß. Über den Ultima-Thule-Versand in Dänemark etwa wird die Anschrift eines deutschen Grundbesitzers in einer Garnisionsstadt der südafrikanischen Regierungsarmee vermittelt. Der unterhält dort beste Kontakte zu Offizieren, die die Deutschen mit Waffen der südafrikanischen Armee trainieren lassen.

Die rege Reisetätigkeit der Neonazis hat ihren Grund: Sie sind ins Visier der Fahndungsbehörden geraten. Auf die Explosion rechtsextremer Gewalt reagierten die Innenminister des Bundes und der Länder, indem sie seit 1992 zunehmend Organisationen von Neonazis verbieten lassen. Zwei Verbotsanträge gegen die "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" (FAP) und gegen die "Nationale Liste" liegen beim Bundesverfassungsgericht. Justizverfahren enden inzwischen häufiger mit hohen Freiheitsstrafen. Die Szene, so hieß es im jüngsten Verfassungsschutzbericht, sei dadurch verunsichert. Hinzu kommt, daß mit rechtsradikaler Propaganda keine Wahlen mehr zu gewinnen sind. Die Stimmenanteile von DVU und den in Auflösung befindlichen Republikanern sackten überall in den Keller, parteiinterne Streits schwächten den parlamentarischen Flügel der Rechten entscheidend. Die Rechtsextremisten sind frustriert. Gerade das macht sie gefährlich. So stellen sich viele die Frage: Abtauchen in den Untergrund und den bewaffneten Kampf aufnehmen? Und ähnlich wie die Gründer der linksterroristischen RAF vor 25 Jahren schmieden viele bereits konkrete Pläne.

Die jetzt verbotene "Wiking-Jugend" schien zumindest in der Vorbereitung zum bewaffneten Kampf schon weit gekommen zu sein. Kurz vor dem Verbot durch Bundesinnenminister Manfred Kanther urteilte ein Ermittler des Bundeskriminalamtes: "Das ist eine der Kampfeinheiten, denen nur noch der Startschuß fehlt." Wiederholt waren bei Mitgliedern der seit 42 Jahren aktiven Gruppierung scharfe Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden worden.

Beim Sammeln von Militärgerät hatten es die Fanatiker nicht belassen: In Sommer- und Winterlagern wurde mit den Waffen geübt, oft unter den Augen der Polizei. Im Mittelpunkt dieser militärischen Ausbildung stand lange Zeit das "Schulungszentrum Hetendorf", eine neonazistische Tagungsstätte am Rande der Lüneburger Heide. Mehrmals am Tag öffneten sich während der "Wiking"-Treffen die Tore der ehemaligen Kasernen- anlagen, und ein Gespensterzug zog aus: In feldgrauer Uniform, mit schweren, schwarzen Stiefeln, mit klirrenden Hakenkreuz-Gürtelschnallen und der verbotenen Odalsrune an den Schulterklappen marschierten dann bis zu 300 Jungnazis in das nahe gelegene Bundeswehrübungsgelände. Mit "Gewalt-" und "Orientierungsmärschen" wurde den intern "Pimpfen" genannten Acht- bis Zwanzigjährigen das Heranschleichen an Feinde, der Handgranatenweitwurf und nach Augenzeugenberichten auch das Schießen beigebracht. Altgediente Nazis sorgten als Begleitmannschaft dafür, daß der Kontakt zu neugierigen Dorfbewohnern Hetendorfs oder zu etwaigen Gegendemonstranten unterblieb. So wurde an der Bundeswehrgeschützstellung Nummer 4 allzu interessierten Hetendorfern klargemacht, daß die Leinen der kläffenden Kampfhunde schnell mal reißen könnten. Die Hetendorfer verstanden und nahmen Reißaus.

Während die neonazistischen Kameradschaften der verschiedenen "Gaue" über den Truppenübungsplatz marschierten, fuhren die Bundeswehrsoldaten ungerührt weiter Streife. Schließlich, so berichtet ein Neonazi stolz, sei man von den Offizieren sogar zu offiziellen Gedenkfeiern auf die Soldatenfriedhöfe und an die Ehrenmäler der Gefallenen eingeladen worden.