Potsdam.

Er war ein Paradiesvogel auf einem Hühnerhof. Wo sonst in der deutschen Rundfunklandschaft meist nur gedudelt, gekräht und gegackert wird, da hackte er zu, kratzte er im Mist, scharte er mit krächzender Stimme eine wachsende Zahl von Hörern um sich - witzig, unbefangen, fair und immer bestens präpariert. Rund 3000 Interviews hat Lutz Bertram seit Anfang 1992 im Morgenmagazin des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) gemacht. Niemand hat wie er den Hörern in seinem Sendegebiet vorgeführt, was kritischer Journalismus und gelebte Demokratie sein können. Es lohnte sich wieder, morgens das Radio anzuschalten.

Auch in seiner letzten "Auftakt"-Sendung am Montag dieser Woche redete er seine "aufgeweckten Zeitgenossen und mündigen Mitbürger" im unverwechselbaren Bertram-Jargon an: "Ich grüße Sie in Red Eagle Country samt der angrenzenden Rayons, am Mikrophon Frühstücksdirektor Lutz Bertram. Morgen, liebes Radiovolk in Brandenburg und Berlin, huhu." Aber die Hörer wurden nicht nur aufgeweckt, sondern auch aufgestört. Bertrams Gesprächspartner waren diesmal nicht Minister, Senatoren, Künstler oder sonstige Prominente, sondern traurige, enttäuschte, ratlose, wütende und schönredende Bertram-Fans. Denn der ORB hat sich von seinem Starmoderator getrennt, weil Bertram von 1983 bis 1989 Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit war. "Sie sollten Ihren Platz frei machen für jemanden, der der Kerl ist, der Sie vorgegeben haben zu sein", meinte ein Hörer. Und ein anderer: "Andererseits brauchen wir det. Wenn Sie runter sind vom Sender, wofür bezahle ich dann noch meine Rundfunkgebühren?"

Die Geschichte von Lutz Bertram macht vieles deutlich: die Verachtung, mit der die DDR ihre Bürger behandelt hat; die Anfechtbarkeit von Menschen, die in Bedrängnis sind; den fehlenden Mut, sich rechtzeitig zu offenbaren; die Verlockung einer - nach vielen Schicksalsschlägen - endlich erreichten steilen Karriere, die zum Lebensinhalt wurde.

Lutz Bertram ist blind. Ein erblicher Grüner Star nahm ihm im Alter von 24 Jahren nach einer gescheiterten Operation endgültig das Augenlicht. Bertram, Jahrgang 1953, hat sich nie damit abfinden können, wollte nie darüber reden. Seine Verdrängung ging so weit, daß er sich weigerte, Blindenschrift zu lernen und bei Kunstauktionen Bilder ersteigerte. Hoffnung hat er immer noch, sagt er, "das ist wie ein Strohhalm, der immer dünner wird, und die Illusion wird immer größer." Niemand, der nicht Gleiches erlitten hat, kann ermessen, wohin einen diese Hoffnung treiben kann. Lutz Bertram trieb sie in die Fänge der Stasi. "Die hatten mich an meiner Achillesferse erwischt", und daß er sich so lange nicht offenbart habe, hänge damit zusammen, daß er über beides zugleich hätte reden müssen - über seine Verstrickung und über seine Erblindung. Letzteres sei ihm viel schwerer gefallen. "Meine körperliche Versehrtheit war mir der Maßstab, die seelische Versehrtheit habe ich vernachlässigt. Das hat sich umgekehrt."

Bertram hat zu DDR-Zeiten Kulturtheorie, Ästhetik und Musikwissenschaft studiert. Nach seiner Erblindung arbeitete er im Schallarchiv des DDR-Rundfunks, schrieb Musikerportraits und wurde Redakteur beim Jugendradio DT 64. Zum ORB kam er 1992, ein Jahr später begann er, Politiker-Runden im Fernsehen hartnäckig und ironisch zu moderieren. Falsche Töne witterte er sofort und fragte dann: "Sie wissen, daß wir Aussagen von Politikern lückenlos dokumentieren?" oder "Wie Sie das auf den Boden des Grundgesetzes stellen, bleibt Ihr Geheimnis?" Aber er hielt seinen Gesprächspartnern auch zugute, "daß wir auch nur Menschen sind, und zwar keine stromlinienförmigen, sondern alle mit Vergangenheit und Zukunft".

Den Schauspieler Kurt Böwe fragte er: "Wie kommt's, daß einer wie Sie sich das innere Zentrum hat bewahren können, daß einer ein Kerl geblieben ist?" Jetzt bekennt Bertram, daß ihm Gleiches gefehlt hat: "Ich hatte nichts, kein inneres Zentrum, an dem ich mich festhalten konnte." In den entscheidenden Monaten, als eine Operation im Westen ihm vielleicht noch das Augenlicht hätte retten können, verweigerten die DDR-Behörden ihm den Paß, auf den er als Invalide einen Anspruch hatte. Er rannte von Behörde zu Behörde, "sie haben mich einfach laufen lassen wie ein waidwundes Tier", bis ihm gesagt wurde, gesundheitliche Gründe seien keine Reisegründe.

So war die DDR. Bertram haßte diesen Staat und wurde zugleich sein Knecht. Denn ein Paß, das hatte sich in ihm festgesetzt, "ist Leben" in dem Moment, in dem es im Westen doch noch eine erfolgversprechende Operationsmethode gibt. Er wollte "nie wieder disponibel sein". Also ließ er sich 1983 von der Stasi anwerben, um sich einen Paß zu erdienen. Er bekam ihn, aber zu spät. Bertram war IMK, konspirativer Mitarbeiter für die Hauptabteilung VI, die für das Grenzregime, Tourismus und Interhotels zuständig war. Er nahm am Telephon Anrufe von Agenten entgegen und leitete sie weiter. Aber irgendwann hatte er kein Telephon mehr. 1987 dann wurde er zum IMS umgewidmet, das hieß "Mitarbeiter für die Sicherung eines Verantwortungsbereiches", was immer das war.

Aufgaben hatte er nicht, "die sollte ich erst kriegen", aber regelmäßigen und engen Kontakt mit seinem Führungsoffizier. Der hat ihn offenbar ausgefragt und "abgeschöpft", wie dies im Stasi-Jargon hieß. Man sprach über Bertrams "Umfeld", er kann nicht so naiv gewesen sein, um das nicht zu merken. Die Antwort auf die Frage, ob er jemandem geschadet hat, schiebt er bis heute vor sich her. Er wollte es wohl nicht wissen.

Bertrams sichtlich bestürzter Verleger Christoph Links bemüht sich jetzt, an die Stasi-Akten über die Rockszene, den Sender DT 64 und von Leuten aus Bertrams Umfeld heranzukommen, denen der Staat zugesetzt hat; vielleicht ist auf diesem Weg Bertrams Rolle zu entschlüsseln. Das sei auch in seinem Sinne, sagt Bertram, der bisher wenig zur Aufklärung getan hat, obwohl es ihn angeblich seit Jahren umtreibt.

Das hat ihm auch eine Hörerin vorgeworfen. Warum er denn nicht wenigstens die Jahre genutzt habe, um den möglichen Schaden auszuleuchten und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen? Überhaupt: Die Hörerreaktionen sind mit das Interessanteste an diesem Fall. Fast alle bedauern diesen tiefen Sturz, bis auf die Dümmeren seiner Konkurrenten, die - wie ein Moderator vom lokalen IA-Fernsehen - meinen, dieser Mann mit seiner großen Klappe habe nur noch vor sich hin gestammelt. Selbst in seinen schwersten Stunden, als er sich am Samstag im Fernsehen und am Montag im Hörfunk ausfragen ließ, war Bertram noch allemal beredter als diese faden TV-Bubis, die nichts begriffen haben. Eher war er schon zu beredt.

Nichts begriffen haben auch die trotzigen Solidaritätsbekunder, die meinten, Bertram könne einfach so weitermachen. Sie sprachen von "Berufsverbot" und "Inquisition". Aber die Mehrheit der Anrufer argumentierte viel differenzierter, als man es sonst von Höreranrufen gewohnt ist - das spricht auch für das Publikum, das sich Bertram erworben hat. "Sie hatten eine Chance, die andere nicht hatten. Sie haben sie nicht genutzt und können nun nicht unbefangen weitermachen." Es war eine blinde Hörerin aus dem Osten - und nur sie konnte so reden -, die Bertram "Schicksalsgewusel" vorwarf; nie hätte sie sich der Stasi verkauft. "Das habe ich eben nicht geschafft", antwortete Bertram. Darauf die Hörerin: "Deshalb müssen Sie mit sich erst mal ganz allein ins reine kommen."

Bertram weiß das inzwischen wohl. Er ist abgestürzt. Nach seiner Erblindung hat er anderthalb Jahre getrunken und dann beschlossen, den Sehenden zu zeigen, wieviel mehr ein Blinder sieht. Diese Kraft braucht er nun noch einmal. Privatsender bemühen sich schon um ihn. Aber würden sie ihn aushalten? ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer, der überaus fair mit Bertram umgegangen ist, meinte, auch er werde eine zweite Chance bekommen. Inzwischen vermißt Rosenbauer einen zweiten Moderator: Jürgen Kuttner, der im Jugendradio Fritz und Freitag nachts im Regionalfernsehen genialische Telephon-Talks veranstaltete. Kuttner bekannte schon vor sechs Wochen gegenüber seinem Intendanten, ebenfalls IM gewesen zu sein. Der ORB verliert seine schrägen Vögel, die ihn unverwechselbar machen. Die Stasi hat halt nicht die Dümmsten angeheuert.

Bisher waren entlarvte Stasi-Mitarbeiter, selbst ein Ibrahim Böhme oder ein Wolfgang Schnur, irgendwie anonym. Kaum einer identifizierte sich mit ihnen. Jetzt ist das Idol einer riesigen Fangemeinde betroffen. Das heizt die Diskussion an und schärft das Bewußtsein dafür, wie wenig pauschale Urteile nach Aktenlage genügen. Nicht gefragt wurde bisher nach denen, die Menschen wie Bertram in die Aussichtslosigkeit gehetzt haben. Von ihnen gibt es immerhin Zehntausende. Schlußstrich hin, Amnestie her - diese Wunden sind noch längst nicht verheilt.