Der Artikel der Historikerin Ulrike Herrmann (ZEIT Nr. 50/1994) über die "Rungholt-Kontroverse" hat leider nicht zur Auflösung der Verwirrung beigetragen, die mittlerweile in den Köpfen vieler Leser herrscht. Denn das Bemerkenswerteste an diesem Artikel ist das, was nicht in ihm geschrieben wurde.

Beginnen wir mit der Behauptung, ich hätte ein vermeintlich "ruhiges Thema", nämlich Rungholt gesucht, weil mir "Mord- und Kastrationsdrohungen von Neonazis, Altlinken und Lesben" auf den Keks gegangen seien. Nun ist es zwar richtig, daß ich aufgrund meines letzten Buches sowie meiner Lehrveranstaltungen an der Universität Bremen solche Drohungen erhalten habe. Aber diese standen in keinerlei Kausalbeziehung zu meiner Suche nach der versunkenen Stadt. Auch habe ich das Thema Rungholt nicht "gesucht". Vielmehr erzählte mir zufällig während eines Ferienaufenthaltes auf Nordstrand der ehemalige Pächter der Hallig Südfall, er sei vor Jahrzehnten im Watt zwei Kilometer nördlich des Inselchens auf achtzig bis neunzig Brunnen, Schildbuckel, Schmuck, Totenschädel, Töpfe und maurische Keramik gestoßen, habe aber anschließend keine offizielle Meldung erstattet. Genau in dieser Gegend vermutete ich bereits nach dem Studium alter Quellen und Pläne das sagenumwobene Rungholt. Denn auf diesen Karten war der Ort durchweg nördlich der Stelle, wo heute Südfall liegt, angegeben worden und nicht südlich oder westlich, wo seinerzeit der Nordstrander Bauer Andreas Busch Rungholt entdeckt zu haben glaubte.

Mit Hilfe dieser Karten, so Ulrike Herrmann, hätte ich mich "im Juni durch die Wattensee" navigiert, und dies, obgleich die Karten erst lange nach dem Untergang Rungholts erstellt worden und deshalb - so wird insinuiert - unzuverlässig seien. Nun ist es sicher richtig, daß die 274 Jahre nach dem Untergang Rungholts entstandene Karte des Königlichen Geographen Johannes Mejer, an der ich mich vor allem orientierte, Maßstäben der modernen Kartographie nicht entspricht. Es steht aber fest, daß Mejer ein Meister seines Fachs war; daß er aus Husum, also aus der Gegend stammte, wo Rungholt einst "versunken" war; daß er auf ältere, heute verschollene Karten aus der Bibliothek eines Kopenhagener Bischofs zurückgreifen konnte; und daß er schließlich, wie ein Zeitgenosse berichtet, "fleiszig den Tieffen nachgefahren, und alte glaubwürdige Männer Jeder Zeit, zu Gefehrten mit sich genommen, welche ihm die Örter, wo die Kirchen und Dörffer belegen, ja die gantze Gege nd gezeiget haben, woenach er dan die Carten formiret und in grundt geleget habe".

Ist es denn plausibel anzunehmen, innerhalb von zweieinhalb Jahrhunderten habe sich die Volksüberlieferung dermaßen verwirrt, daß erfahrene Fischer und Wattläufer, nach dem Orte befragt, wo Rungholt untergegangen war, plötzlich in die entgegengesetzte Richtung gezeigt hätten, zumal damals noch wesentlich mehr Kulturspuren im Watt zu sehen waren, an denen sich die Erinnerung festhalten konnte? Auch der 1625 gestorbene Pastor Boetius berichtete, "nichts" sei "so sicher", wie daß die "bei unseren Vorfahren ganz besonders berühmte" Stadt Rungholt "zwischen Trindermarsch, Südfall und Pellworm" gelegen habe. Die Überlieferung hatte jedenfalls Bestand, denn noch im vergangenen Jahrhundert berichtete der auf Südfall tätige Schäfer Julius Lander, auf der Hallig sei man schon immer der Meinung gewesen, Rungholt habe nördlich des Eilands, "nach Pellworm hin" gelegen.

Gibt es aber nicht, so mag man fragen, südlich von Südfall die berühmten Reste der "Rungholt-Schleusen", von denen eine, wie man an der Wand des Nissenhauses in Husum nachlesen kann, aus dem 13. Jahrhundert stammen soll? Um das Jahr 1981 ließ der damalige Direktor des Nissenhauses, Erich Wohlenberg, eine C14-Altersbestimmung eines der drei geborgenen Schleusenbalken in Auftrag geben. Wie wir vor einem Jahr von einem ehemaligen Mitarbeiter Wohlenbergs, Klaus Lengsfeld, erfuhren, ergab die in Köln vorgenommene Untersuchung, daß das Holz keine 300 Jahre alt ist! Dieses Alter paßte Wohlenberg natürlich nicht, und so umhüllte er die ganze Chose mit dem Mantel des Schweigens.

Inzwischen habe ich sämtliche in Frage kommenden Untersuchungsergebnisse des Kölner Labors durchgesehen, doch ohne Erfolg. Es scheint, als seien die Ergebnisse der Schleusen-Untersuchung verschwunden. Seit längerer Zeit habe ich das Nissenhaus gebeten, zwanzig Gramm Holz von einem der Balken zur Verfügung zu stellen, damit eine neue Altersbestimmung gemacht werden könne, aber Lengsfeld, der jetzt Direktor des Museums ist, konnte sich nicht dazu entschließen, auf mein Ansinnen auch nur zu antworten. Doch jetzt kündigt das Nissenhaus plötzlich an: Man werde irgendwann einmal, "wenn neue wissenschaftliche Methoden eine noch exaktere Bestimmung erlauben (!) sowie die personellen und finanziellen Möglichkeiten bestehen" (!), eine neue Untersuchung durchführen lassen. Nachtigall, ick hör' dir trapsen - eine C14-Analyse kostet ganze 300 Mark, und die Entnahme einer Holzprobe würde maximal fünf Minuten dauern!

Aber hat man nicht südlich von Südfall jede Menge Keramik gefunden, die zweifelsfrei aus der Zeit vor 1362 stammt? Aus dem Brunnen einer angeblichen Rungholt-Warft im Südosten Südfalls hatte man bereits vor dem Kriege Keramik geborgen, die danach von einem Fachmann auf 1420 bis 1680 datiert worden war. Ohne eine naturwissenschaftliche Altersbestimmung vorgenommen zu haben, behauptet Hans-Joachim Kühn vom Landesamt für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig nach Augenschein, bei dieser Keramik spreche "nichts für eine Datierung nach 1362". Um eine Thermolumineszenz-Analyse durchführen zu lassen, hat meine wissenschaftliche Mitarbeiterin Gerda Giese das Nissenhaus seit einem Jahr unzählige Male um drei winzige Bröckchen von den betreffenden Scherben gebeten. Mit immer neuen und immer peinlicheren Ausflüchten hat Lengsfeld eine Herausgabe der Splitter verzögert und schließlich verweigert. Ist das alles nicht sehr seltsam?