Johannesburg.

Wie sich der alte, aschfahle Mann mühsam aus seinem Stuhl erhob. Wie Nelson Mandela, der Präsident, auf ihn zuging und ihn lange umarmte. Wie der alte Mann ans Rednerpult trat, noch einmal seine schwindende Lebenskraft zusammennahm und mit erhobener Faust rief: "Amandla! Alle Macht dem Volke!" Da ahnten die 3000 Menschen im Saal: Das ist ein Abschied für immer. Vielen Delegierten, die Mitte Dezember zur Nationalkonferenz des African National Congress (ANC) nach Bloemfontein gekommen waren, standen Tränen in den Augen. Zwanzig Tage später sollte Joe Slovo seinen letzten Kampf verlieren. Er starb im Alter von 68 Jahren an Knochenmarkkrebs. Der Führer der Kommunistischen Partei nahm den Isithwalandwe/Seaparankoe Award mit ins Grab, die höchste Auszeichnung, die der ANC zu vergeben hat.

Erst zwei Weißen wurde diese Ehre vor ihm zuteil. "Was ich tat, habe ich niemals bedauert", sagte der Laureat in seiner Dankrede. "Vor langer Zeit beschloß ich, daß es nur ein Ziel in meinem Leben gibt: das rassistische Regime zu stürzen und die Macht des Volkes zu erstreben." Joe Slovo hat dieses Ziel am Ende eines widersprüchlichen und dennoch geradlinigen Lebensweges erreicht.

Mit acht Jahren kommt Jossel Mashel Slovo, Sohn eines litauischen Lastwagenfahrers, nach Südafrika. Als Sechzehnjähriger tritt er in die KP ein - und bleibt bis zu seinem Tod Kommunist. Er arbeitet als Advokat, nimmt am Zweiten Weltkrieg teil, organisiert den bewaffneten Widerstand gegen die Apartheid, wird mehrfach eingesperrt, flüchtet ins Exil. Die moskautreue KP ist unterdessen zum wichtigsten Bundesgenossen des ANC aufgerückt, der "rote Joe" zum Staatsfeind Nummer eins. Nach der Wende in der Sowjetunion denkt auch der KP-Chef am Kap um und lenkt die Partei in Richtung Sozialdemokratie. Sein genialer Vorschlag, in einer Regierung der Nationalen Einheit zunächst die Macht zwischen Schwarzen und Weißen zu teilen, bringt den Durchbruch bei den Mehrparteienverhandlungen.

Aus dem dogmatischen Revolutionär war ein pragmatischer Reformer geworden. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, als Wohnungsbauminister für das neue Südafrika zu arbeiten.

Joe Slovo geht als großer Freiheitskämpfer in die Geschichte ein. Weil er auch ein Prediger der Versöhnung war, weinen ihm jetzt sogar Weiße nach, die ihn einst verfluchten. Millionen Schwarze trauern um einen Nationalhelden, der die Hautfarbe der Unterdrücker trug. Nelson Mandela verliert seinen besten weißen Freund. "Good bye, Joe", verabschiedete sich der Präsident in der Todesnacht. "Cheers", erwiderte Joe mit trockenem Humor, macht's gut.