Im Jahr 1811 fiel die neunzehnjährige Mary Reynolds, die im ländlichen Pennsylvania lebte, in einen tiefen Schlaf. Als sie nach zwanzig Stunden aufwachte, hatte die junge Frau alle Erinnerungen verloren. Lesen und Schreiben mußte sie wieder neu lernen. Allerdings beherrschte sie diese Fähigkeiten anschließend nicht so gut wie früher. Anstelle von Meditation und einsamer religiöser Hingabe liebte sie nun menschliche Gesellschaft und wurde geistreich und lebhaft. Doch nach fünf Wochen dieses neuen Lebens fiel sie in einen zweiten Tiefschlaf und kehrte zu ihrem ursprünglichen Zustand zurück, ohne sich an die Zwischenzeit zu erinnern. Von nun an wechselte sie periodisch zwischen beiden Zuständen.

In den folgenden Jahren wurden immer wieder derartige Fälle bekannt. Anfang dieses Jahrhunderts erhielten sie einen Namen: multiple Persönlichkeit. In einem einzigen Menschen schienen mehrere Personen zu stecken, die abwechselnd in Erscheinung traten. Zeitweise stellten die Seelenärzte in den USA diese Diagnose häufiger als die der Schizophrenie. Später schien das Phänomen allmählich zu verschwinden. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden kaum mehr multiple Persönlichkeiten registriert.

Seit den siebziger Jahren änderte sich dies wieder, bald waren Tausende bekannt. Es waren Fälle wie dieser: Die 31jährige Gina schreibt erfolgreich für einen großen Schulbuchverlag. Sie mag keine heiße Schokolade, doch in ihrer Spüle stehen morgens regelmäßig Tassen mit Resten davon. Sie ertappt sich dabei, wie sie eine Nähmaschine bestellt, obwohl sie Nähen haßt. Sie kanzelt gerade ihren Geliebten höhnisch ab, als sie sich plötzlich sagen hört: "Ich habe dich so vermißt." Ihre Therapeuten kommen zu dem Schluß, daß Gina eine zweite Persönlichkeit beherbergt: Mary.

Heute reichen die Schätzungen in den USA bis zu 300 000 und mehr multiplen Persönlichkeiten. Richard Loewenstein, ein prominenter Spezialist, hält sogar bis zu drei Prozent der US-Bevölkerung für betroffen, das wären über sieben Millionen Menschen.

Vor fünfzehn Jahren wurde die Krankheit in die Bibel der amerikanischen Diagnostik aufgenommen, das Diagnostic Statistical Manual (DSM). Die 1994 erschienene Ausgabe DSM IV hat sie jetzt in "dissoziative Identitätsstörung" umbenannt: Dem Handbuch zufolge mißlingt es den Kranken, "die verschiedenen Aspekte der Identität, des Gedächtnisses und des Bewußtseins zu integrieren". Statt dessen existieren zwei oder auch hundert oder gar noch mehr verschiedene Persönlichkeiten. Häufig ist eine von ihnen Kind geblieben; manchmal kommen sie gut miteinander aus, ein Spezialist kümmert sich ums Geschäftliche, der nächste um die Freunde.

Viele amerikanische Therapeuten haben sich darauf spezialisiert, derartige Patienten zu behandeln. Meist wenden sie Hypnose an, um die verschiedenen Teile zu einer Person zu vereinen. Ihnen stellen sich ganz neue Probleme: Wie kann eine multiple Persönlichkeit juristisch unangreifbar einer Therapie zustimmen? Wenn ein Teil von ihr einverstanden ist, könnte trotzdem ein anderer dagegen sein oder nichts davon wissen.

Merkwürdigerweise plagen solche Sorgen bisher hauptsächlich amerikanische Therapeuten. In anderen Ländern gibt es längst nicht so viele Betroffene, obwohl Holland und Norwegen aufholen. In Großbritannien "sind fast keine Fälle bekannt", notierte die Times. In der Schweiz haben einer Studie zufolge neunzig Prozent der Psychiater noch nie einen multiplen Patienten gesehen.