Als hätte sie nicht schon genug zu tun mit ihren Vorlesungen an der Uni Münster und allem, was daran hängt - Vorbereitung, wissenschaftliche Betreuung von Studenten und Doktoranden, Sprechstunden . . . -, und mit ihrer Arbeit für ein mathematisches Forschungsprojekt an der Universität Bielefeld und mit der Herausgabe eines wissenschaftlich-biographischen Werkes und nicht zuletzt mit den täglichen Fahrten quer durch Westfalen, zwischen ihrem Wohnort Wuppertal und den Stätten ihres Wirkens in Mü nster und Bielefeld. Nun ist sie auch noch Präsidentin geworden, Präsidentin einer traditionsreichen, wissenschaftlichen Gesellschaft, die Mathematikprofessorin Ina Kersten.

Wer wäre nicht begierig, sie kennenzulernen, eine von den nur drei Prozent Frauen unter den Professoren ihres Fachs in Deutschland, Vertreterin einer kleinen Minderheit also, die dennoch keines der Merkmale erkennen läßt, die Soziologen als typisches Minderheitenverhalten ausgemacht haben; Feminismus etwa ist ihre Sache nicht.

Gewiß, Ina Kersten sähe gerne eine größere Repräsentanz ihres Geschlechts in der Mathematik, und sie ermutigt die Frauen, die inzwischen immerhin ein gutes Drittel der Mathestudenten stellen, sich nicht mit dem Staatsexamen für den Lehrerberuf zufriedenzugeben, sondern mit der Promotion den Grundstein für eine akademische Karriere zu legen. Aber die Aussichten, eine Assistentenstelle zu erhalten, mit der die klassische Universitätslaufbahn beginnt, sind gering, für Frauen wie Männer gleichermaßen, wohlgemerkt, doch Männer scheinen hier risikofreudiger zu sein.

Ina Kersten hatte die Möglichkeit, Assistentin zu werden, und dies bei einem der bedeutendsten Mathematiker unseres Jahrhunderts, bei Ernst Witt, dem nachgesagt wurde, er sei der schnellste Denker seiner Zeit gewesen.

"Ich hatte einfach Glück", gesteht die zierliche Frau. Das aber nimmt sie nicht einfach so hin: "Wir Professorinnen müssen versuchen, Vorbilder zu sein. Das ist die einzige reale Chance, mehr Frauen für das Wagnis einer wissenschaftlichen Laufbahn zu begeistern."

Nie würde man einen Archäologen, einen Musikwissenschaftler oder Linguisten fragen, welchen Nutzen seine Wissenschaft der Menschheit bringe. Mathematiker, vor allem diejenigen, die sich wie Ina Kersten der "reinen" Mathematik verschrieben haben, werden dies dauernd gefragt. Die Standardantwort: Mathematiker sind ihrer Zeit weit voraus; was sie heute erforschen, wird vielleicht in einigen hundert Jahren eine gesellschaftlich relevante Anwendung finden; Beispiele dafür gibt es immerhin.

Ina Kersten redet sich so nicht heraus. Sie betreibt ihre Forschung, weil es ihr Spaß macht, hinter die Geheimnisse abstrakter Strukturen zu kommen. Und wie allen Mathematikern geht es ihr nicht allein darum, mathematische Zusammenhänge schlüssig zu beweisen. Mindestens so wichtig ist der ästhetische Aspekt, der darin besteht, Beweise "elegant" darzubringen, mit einer geschickten Dramaturgie der einzelnen Beweisschritte, die Kerstens Lehrer Witt meisterhaft beherrschte. Der französische Mathematiker Émile Borel hat die Mathematik "eine Poesie der Ideen" genannt.