VÖLKLINGEN. - Journalisten "aus dem Reich", wie viele Saarländer das übrige Bundesgebiet auch heute noch nennen, beschreiben den Koloß so: "Wie erstarrte Dinosaurier aus einer fernen Welt recken sich die rostigen Hochöfen . . . in den Himmel" (dpa). Das ZEITmagazin verglich vor über vier Jahren das trutzige Monster aus rostigem Stahl mit einem "Falken in der bizarren Industrielandschaft", der "elegant zum Landeanflug . . . in einem Wald aus Stahlröhren ansetzt". Und Landeskonservator Peter Lüth schwärmte angesichts der stählernen Monumentalität von der "Wucht gotischer Kathedralen".

Die Rede ist von dem "alten Schätzchen", wie die Stahlkocher, die "uff da Hitt schwer geschafft han", die "Völklinger Hütte" gerne nennen. Nun ist die Hitt nach einem Beschluß der Unesco im Dezember in die Liste des Kultur- und Naturerbes der Menschheit als erstes Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert aufgenommen worden - neben 440 Welt- und Kulturdenkmälern wie der Chinesischen Mauer, dem Tadsch Mahal in Indien und der Akropolis in Athen. Nur fünfzehn deutsche Denkmäler stehen auf der Liste des Weltkulturerbes. 1994 wurde als deutsches Denkmal neben der Völklinger Hütte noch die Altstadt von Quedlinburg in den weltkulturhistorischen Adelsstand erhoben. Unter den deutschen "Welterbe-Stätten im Wartestand" befinden sich der Kölner Dom und die Wartburg in Eisenach.

Natürlich ist man im Saarland stolz darauf, daß die "Hütt" sogar den Vorzug vor dem Kölner Dom und der Wartburg erhielt. Damit geht im Saarland auch eine lange Diskussion um die Frage "Was machen wir mit dem Ding?" nun endgültig zu Ende. Denn immer wieder gab es Stimmen - nicht nur in Völklingen selbst -, die die Hütte am liebsten abgerissen sähen. Aber weil das eben so einfach nicht geht und vor allem mit enormen Kosten verbunden wäre, blieb sie erhalten und wurde schon teilweise kulturell genutzt. Entsprechende Initiativen gibt es schon seit langem. Im Sommer 1990 fand "Steelopolis" statt, ein Symposion mit Workshop und Kulturprogramm. Das Kulturspektakel fand bundesweites Interesse. Steelopolis war auch mit einem Tag der offenen Tür verbunden, eine Gelegenheit für viele Ehemalige, ihren Angehörigen und Freunden den früheren Arbeitsplatz zu zeigen. Auf Steelopolis folgte "Schichtwechsel", eine alljährliche Kulturwoche mit Musik, Literatur, Kunst und Kino. In der ehemaligen Glasgebläsehalle fanden Workshops und Ausstellungen statt, spielten Rockbands und wurde Bach gespielt. Die "Hüttenwerkstatt Residers" wurde eröffnet, in der Multimedia-Shows stattfinden sollen. Die Kunsthochschule zog in die sogenannte Handwerkergasse ein.

Daß die Hüttenanlagen nicht nur eine Heimstätte von Künstlern und reizvoller Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen sein sollen, sondern auch museal genutzt werden müssen - dafür setzten sich viele ein. Minister und Kulturschaffende, die Feuilletonredaktion und die Völklinger Lokalredaktion der Saarbrücker Zeitung, Bürgerinitiativen ebenso wie städtische Kulturpolitiker. Die Kulturinitiative Völklinger Hütte und das Staatliche Konservatoramt gaben schließlich einen "Museumsweg" heraus, der auf 72 Seiten die historische Entwicklung schildert und die Leser auf drei imaginäre Rundgänge führt. Denn Teile des Hüttengeländes sind noch nicht ohne Gefahr zu begehen. Und dann gibt es da den "Hüttengeschichtlichen Rundweg" des Historikers und Sozialwissenschaftlers Harald Glaser, der die Spuren der Hütte im Stadtbild beschreibt. Und, und, und . . .

Und nun ist die Hütte Weltkulturerbe. Ein Grund nur zum Feiern und Freuen! Denn Völklingen (43 000 Einwohner) ist mit über fünfzehn Prozent Arbeitslosen nicht gerade eine der Städte, in denen die Zeichen auf Aufschwung stehen. Nun hoffen die Saarländer auf Kulturtouristen, die das Schätzchen besuchen. "Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können", betonte gegenüber der Saarbrücker Zeitung denn auch Heinz Limbach, der persönliche Referent des Kulturministers. Andererseits aber ist das Pfund zum Wuchern auch ein Grund zum Rechnen. Die Hitt muß erhalten werden. Und das kostet. Denn das Geld, das dazu gebraucht wird, kommt nicht aus der Unesco-Kasse. Die ist praktisch leer.

Wie die Erhaltung des Weltkulturerbes finanziert werden kann - darüber zerbrechen sich jetzt die Saarländer den Kopf. Eigentümerin - und somit auch zum Erhalt verpflichtet - ist die Landesregierung. Aber auch in deren Kassen herrscht Ebbe. Hilfe wird aus Bonn erwartet. Völklingen selbst kann keine Mark dazugeben. Denn im Völklinger Haushalt klafft ein zweistelliges Millionenloch.

Die finanzielle Misere der Stadt ist mit der Stahlkrise verbunden. Über hundert Jahre lang wurde auf der Hütte von den Stahlkochern gutes Geld verdient, wurde lothringisches und schwedisches Erz mit Hilfe saarländischer Kohle in Eisen umgewandelt. Noch im vergangenen Jahrhundert wurde Völklingen unter der Leitung von Karl Röchling, der die 1872 gegründete Hütte 1881 für 270 000 Mark erworben hatte, Deutschlands größte Produktionsstätte für Eisenträger. In kurzen Zeitabständen wurden weitere Anlagen hinzugebaut, die das Werk zu einer der modernsten Stahlproduktionsstätten in Europa machten. In seinen besten Zeiten arbeiteten im Stahlwerk 20 000 Beschäftigte.