Weißblaue Seligkeit wird durch den Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz wehen, wenn dort am kommenden Montag die Unternehmenskonferenz des Viag-Konzerns eröffnet wird. Nach Grußworten des Vorstandsvorsitzenden, Alfred Pfeiffer, und des Aufsichtsratsvorsitzenden, Jochen Holzer, wird der Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Edmund Stoiber, zu den leitenden Mitarbeitern des Hauses sprechen. Schließlich zählt der Konzern mit vierzig Milliarden Mark Umsatz inzwischen zur Spitzengruppe der deutschen Industrie. Zudem verfolgt Viag sehr ehrgeizige Pläne: Beispielsweise will das Unternehmen im großen Stil ins Geschäft mit der Telekommunikation einsteigen.

Es gehört nicht viel Phantasie zu der Vorhersage, daß am kommenden Montag viel von Bayern und dem bayerischen Unternehmen Viag die Rede sein wird. Dabei ist die Hauptverwaltung dieses Unternehmens erst vor wenigen Wochen auf Drängen Stoibers von Bonn nach München umgezogen. Die Sitzverlegung war die Voraussetzung dafür, daß der Freistaat seine Bayernwerk-Beteiligung an die Viag verkauft hat.

Für die Viag-Manager selbst war das freilich kein persönliches Opfer. Pfeiffer ist ein in Bayern aufgewachsener und längst naturalisierter Sudetendeutscher, sein Stellvertreter Georg Obermeier waschechter Münchner. Geschickt hat die bayerische Seilschaft das 1923 vom Deutschen Reich gegründete Unternehmen an die Isar gelockt und zudem dafür gesorgt, daß die Aktienmehrheit fest in bayerischen Händen ist.

Dabei hatte die Viag ursprünglich alle Chancen, den Bayern ihren Willen aufzuzwingen. Seit 1939 ist sie nämlich am Bayernwerk beteiligt - ursprünglich mit 50 und zuletzt mit knapp 39 Prozent. Aber der süddeutsche Strommonopolist hatte sich seinerseits wiederum Einfluß auf seinen Großaktionär gesichert, als er 1986 und 1988 bei der Privatisierung der Viag ein Aktienpaket von fast 25 Prozent kaufte.

Den entscheidenden Schritt taten die Bayern dann im Jahre 1989, als sie zusammen mit der Viag die VBB Viag-Bayernwerk-Beteiligungsgesellschaft mbH gründeten. Hier bündelten die beiden über Kreuz verflochtenen Unternehmen ihr Geld und akquirierten munter drauflos. 1990 kauften sie das von der Deutschen Bank vor dem Konkurs gerettete Duisburger Handelshaus Klöckner & Co sowie eine Beteiligung von 51 Prozent an der Gerresheimer Glas AG, 1992 ein Drittel des Kapitals der Speditionsfirma Kühne & Nagel International AG. Auf eigene Rechnung erstand die Viag schließlich noch gut die Hälfte des Verpackungsherstellers Schmalbach-Lubeca.

Nach all diesen Transaktionen wurde die Viag gern und oft als "Veba-Süd" apostrophiert. Der Unterschied war nur, daß die Veba vollen Durchgriff auf die Stromtochter PreussenElektra und deren Kasse hatte, nicht aber die Viag auf das Bayernwerk. Und die gemeinsame Tochter VBB litt darunter, daß die Partner unterschiedlich viel Geld hatten: Während das Bayernwerk über sichere Gewinne aus dem Stromgeschäft verfügte, waren die Viag-Erträge von den Launen der Märkte abhängig, auf denen sich die Konzerngesellschaften tummelten. Da gab es nicht nur Gewinne, sondern durchaus auch rote Zahlen.

Daß so der Wunsch, das Bayernwerk ganz zu besitzen, geradezu übermächtig wurde, ist nur zu begreiflich. Aber da war natürlich der Großaktionär Bayern, der 58,3 Prozent des Bayernwerk-Kapitals kontrollierte und lange Zeit nicht daran dachte, sich von seinem "Tafelsilber" zu trennen. Erst als Edmund Stoiber Max Streibl in München als Regierungschef ablöste, wendete sich das Blatt. Und als Stoibers Finanzminister, Georg von Waldenfels, Mitte 1993 kundtat, Bayern sei durchaus zum Verkauf seines Industriebesitzes bereit, war der Weg für Verhandlungen frei.