Madrid

Die Spanier sind eigentlich ein blasiertes Publikum, wenn es um politische Dramen geht. Schon lange jagt ein Korruptionsskandal den anderen auf der Bühne der Landeshauptstadt gleichermaßen wie in der Provinz. An der Spitze der Akteure prangen immerhin einstige Starbesetzungen wie der Guardia-Civil-Chef Roldán, der Notenbankpräsident Rubio oder der Finanzier Conde - ansonsten ist die Zusammensetzung des Ensembles durchaus überparteilich.

Aber alles das wird nun seit Wochen verdrängt durch ein anderes Thema: das Ermittlungsverfahren um die "Antiterroristischen Befreiungsgruppen" (GAL) der spanischen Polizei, die zwischen 1983 und 1987 im Kampf gegen die baskische Terrororganisation Eta über zwanzig Menschen (neun davon Unbeteiligte) umbrachte.

Die Kontroverse tobt überall, obwohl das Ermittlungsverfahren geheim und das Parlament in Ferien ist: Sie beschallt die faszinierte und entsetzte Nation von Tagesanbruch bis in die Nachtstunden aus den tertúlias, den politischen Gesprächsrunden in Radio und Fernsehen.

Kleinste Details und unwichtigste Statisten werden dem Madrider morgens im Eckcafé auf Dutzenden von Zeitungsseiten zu seinem chocolate con churros serviert, die heiseren Streitereien in den Rauchschwaden um ihn herum kennen kein anderes Thema mehr. Im Gefolge einer spektakulären Verhaftungsserie steckte die Hysterie vor zwei Wochen auch die Börsen an: Investoren flohen in Scharen, der Kurs des Peseta sackte ab und mußte durch massive Intervention der Notenbank vor dem Sturz aus dem Europäischen Währungssystem gerettet werden.

Die Frage, die die Gemüter wie die Märkte in Wallung bringt: Wer ist der Senor X, der - so glaubt der Ermittlungsrichter Baltasár Garzón - am Ende der GAL-Befehlskette stand? Sollte sich beweisen lassen, daß ein Kabinettsmitglied oder gar Premierminister Felipe González von den illegalen Attentaten wußte, dann ginge es nicht mehr nur um Polizeiterror, sondern um Staatsterrorismus - und um das Ende der Regierung.

Dabei hatte es lange so ausgesehen, als würde der Prolog dieser neuesten und schwersten Krise in der zwölfjährigen Regierungszeit der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE) keine Folgen haben. Nach den ersten Mordanschlägen der GAL auf in Frankreich versteckte etarras führte die Spur über das Mafiamilieu in Marseille und Lissabon zu zwei besonders schillernden Figuren der baskischen Polizei, dem Inspektor José Amedo und seinem Kommissar Michel Dominguez. Der "spanische Di Pietro" Garzón bekam auf die Frage nach Mitwissern oder Befehlsgebern nur hartnäckiges Schweigen zu hören.