Wenn Sie sich auf unser elektronisches Anschlagebrett laden, gewinnen Sie Erfahrungen." Natürlich müßte das der Fachübersetzer von Novell so nicht schreiben. Er könnte auch einfach schreiben, daß weitere Informationen zu dem Produkt "LAN Workplace" in den Diskussionen im Novell-Forum von Compuserve zu finden sind. Und daß Compuserve eine Firma ist, die Rechner und Datenleitungen für das elektronische Palavern bietet. Daß man ein Modem braucht, etwas Software und leichte Kenntnisse einer Tastatur, um den Erfahrungshunger zu stillen. Nichts davon, statt dessen das leichte Selbstverladen auf ein Anschlagebrett.

Vielleicht war dieser Art die Gebrauchsanleitung, mit der sich Außenminister Klaus Kinkel zum Anschlagen seiner Thesen zu Compuserve begab, um dort zur 125-Jahr-Feier des Auswärtigen Amtes direkt mit der elektronischen Welt zu diskutieren.

Das Ganze fand am Samstag nachmittag vor zwei Wochen statt, nicht gerade eine günstige Zeit. Wie hieß es noch so schön in einer alten Reklame des Herstellers Ashton-Tate: "Samstag nachmittag: Deutschland guckt Sportschau. Gabi lernt dBase." (Was nicht ganz stimmte, da das Werbephoto Gabi vor einer häßlichen Bildschirmmeldung ablichtete: "Hard disk not found. Press F1 to continue.") Nun, Klaus Kinkel fand den Weg zur Festplatte, zu Compuserve und zum wartenden Online-Publikum, beantwortete einige Fragen und war plötzlich offline, als ein Pressemensch vor Ort versehentlich die Leitung zu seinem Computer kappte.

Zurück blieben ratlose Teilnehmer, die sogleich in etlichen Anschlagebrettern diskutierten, warum und wie der Minister abstürzen konnte. Der elektronische Trost eines weisen Diskutanten: Bis zum nächsten Jubiläum in 25 Jahren dürfte das AA die Sache im Griff haben.

Einen Tag nach Kinkels Auftritt holte Hubert Burda auf der historischen Schiene aus, in Cannes auf der Multimediamesse "Milia 95". Der Verleger von Bunte und Focus stellte in seiner Keynote-Rede das Projekt "Europe Online" vor, die europäische Antwort auf Compuserve. Burdas Firma ist mit 26,9 Prozent der größte Teilhaber von Europe Online, das noch dieses Jahr unter anderem in Deutschland seine Einwählknoten eröffnen will.

Von Luther und Gutenberg führte Burdas Spannungsbogen direkt zu "X-Base", dem ZDF-Computermagazin für die Rentnergeneration X + 60 (die ersten Quoten der Sendung zeigten, daß sie vornehmlich die älteren Zuschauer vor den Schirm lockte). Folgt man Burda, kann das Turnen auf den europäischen Anschlagebrettern am besten im Fernsehen vorbereitet werden.

Dem also verdutzten Publikum zeigte Burda dann den Online-Einstieg ausgerechnet in ein New Yorker Mailboxsystem, das von der Außenstelle der Focus-Redaktion betreut wird. Offensichtlich ist der Europäer Burda weiter als sein Außenminister: Online sind die Orte austauschbar. Seinen geplanten Online-Dienst selbst führte Burda nur in Screenshots vor, jenen harmlosen Bildschirmphotos, wo keine Strippen reißen und Minister wie Konzernherren nichts falsch machen können. Auch so kann man Datenautobahnen eröffnen.