". . . und es gab kein anderes Ziel mehr, als zum Berliner Ensemble zu gehören und da zu arbeiten. Gott sei Dank ging das schief." Heiner Müller, "Krieg ohne Schlacht", 1992

Berlin, der Bertolt-Brecht-Platz, gleich hinter dem Bahnhof Friedrichstraße. Im Theater am Schiffbauerdamm, einem Spukschloß mit verwinkelten Gängen und geheimen Tapetentüren, wurde 1928 Brechts "Dreigroschenoper" uraufgeführt. Hierher übersiedelte 1954, zwei Jahre vor Brechts Tod, sein Berliner Ensemble, das bis dahin auf der Bühne des Deutschen Theaters hatte gastieren müssen. Die Intendantin Helene Weigel ließ sich ihr Fenster zum Hof vergrößern, zwecks besserer Kontrolle der Mitarbeiter. Bertolt Brecht schätzte der Legende zufolge in seinem winzigen Turmzimmer mit der kleinen Couch die zweite Tür, durch die Damenbesuch unauffällig entlassen werden konnte.

Lange war das Berliner Ensemble ein Brecht-Museum, in einem innigen Stellungskrieg mit der Erbin Barbara Schall-Brecht geleitet vom ZK-Mitglied Manfred Wekwerth. Heute ist es, den neuen Zeiten angepaßt, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, vier Direktoren und einer Direktorin. Von diesen fünf erholte sich in der vergangenen Woche der Dramatiker Heiner Müller, 66, eine Legende des ostdeutschen Geistes- und Theaterlebens, in Kalifornien von einer schweren Krebsoperation. Der Regisseur Peter Palitzsch, 76, ein Originalschüler der Legende Bertolt Brecht, hatte sich auf den Proben zu "Warten auf Godot" eine Lungenentzündung zugezogen und war eben aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der Regisseur Fritz Marquardt, 66, ein Veteran aller nur denkbaren politischen Auseinandersetzungen um das ostdeutsche Theater, befand sich in den Endproben für ein Ibsen-Stück und träumte davon, nie wieder inszenieren zu müssen. Die Schauspielerin Eva Mattes, 40, eine Legende des Zadek-Theaters, hatte gerade einen einwöchigen Urlaub angetreten.

Und der Regisseur Peter Zadek, 68, eine Legende des westdeutschen Theaters, saß in einer Suite im Hamburger Hotel "Atlantic" und diktierte seine Autobiographie. Und bereitete mit einer Reihe von öffentlichen Äußerungen seine Trennung vom Berliner Ensemble vor, die Sprengung des Fünferdirektoriums, die gut und gerne das Ende dieses Hauses bedeuten könnte.

Der Einfall, Peter Zadek und Heiner Müller, dazu noch drei anderen Regisseuren, gemeinsam ein Theater anzuvertrauen, dazu noch das Berliner Ensemble, kurz: BE, BH (Brechts Haus), BG (Brechts Gruft), war vielleicht eine der verrücktesten Ideen nach 1989. Zadek ist ein Lebemann und Lebensfreund (auch ein Narziß aus Überzeugung). Seine Inszenierungen sind dekadente Spektakel, Feiern der Anarchie und Leichtigkeit.

Müller ist der Autor blei- und steinschwerer, halb todessehnsüchtiger, halb todesverachtender Dramentexte. Gerade hat er einer befreundeten Zeitung ein Gedicht geschickt. Es beginnt mit der Zeile "Ein sterbender Mann betritt das Hotelfoyer". Seit kurzem hält Zadek, in London geborener Sohn vor Hitler aus Berlin geflohener Juden, seinen Kollegen Müller, der schon seit langem in schwermütigen Interviews einen radikalromantischen Antikapitalismus predigt und mit dem Weltuntergang kokettiert, ganz offen für einen, der "einen neudeutschen Nationalismus einbimmelt". Gemeinsam mit Botho Strauß und dem Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf sieht er Müller schon die Lokomotive vorheizen, die neue Züge voller Juden nach Auschwitz zieht.

Eine Anekdote (Anekdoten bekommt man am Berliner Ensemble oft und reichlich zu hören, vielleicht sind die Wände mit Anekdoten verputzt, vielleicht sind die Steine mit Anekdoten vermörtelt, vielleicht verhindern die Anekdoten aber auch nur, daß man die Geschichte des Hauses als Welttheatergeschichte wahrnimmt und von ihr erdrückt wird): Der Intendant und alte Brecht-Schüler Manfred Wekwerth besucht in den siebziger Jahren den alten Brecht-Schüler Benno Besson in Paris und bittet ihn, einen To ast auf das BE auszubringen. Besson hebt sein Glas und sagt: "Auf das Berliner Ensemble, ein Schlachtschiff, das vergessen hat, sich selbst zu versenken."