Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, einst Haupttribüne der DDR-Kaderphilosophen, gilt heute als das wohl vielseitigste und lebendigste Philosophenblatt der Republik. Sie rechtfertigt dieses Urteil auch mit ihrem jüngsten Heft (6/94). Dort findet sich neben der schon gewohnten breiten internationalen Debatte ein Archivstück, das man nur mit verhaltenem Atem liest - das politische Tagebuch Gottlob Freges. Die hier erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemachten Aufzeichnungen aus dem Frühjahr 1924 zeigen den im Jahr darauf verstorbenen Stammvater der analytischen Philosophie als einen ausgemachten Reaktionär.

Unermüdlich brandmarkt er die "sozialistische Verseuchung des deutschen Volkes", die selbst die besitzenden und gebildeten Stände erfaßt habe. Diese "Geisteskrankheit" erzeuge eine "Stinkluft, in der die Sozialdemokratie üppig wuchern kann". Unter Bismarck wäre das nicht passiert. Doch seine Nachfolger ließen die Zügel schleifen. Auch Hindenburg und Ludendorff, die beiden "großen Heerführer im Weltkriege", könnten keine "wirkliche Genesung" bringen. Ein entschlossenes "Ausbrennen" des Geschwürs sei nur noch von den "Jungen" zu erwarten, sofern sie eine "Aufgabe von furchtbarer Größe" auf sich nähmen - "Deutschland durch einen Sieg über die Franzosen wieder zu einigem Ansehen unter den Völkern" zu verhelfen. Im "Dienste eines überragenden Mannes" seien diese frischen Kräfte fähig, "Heldentaten" zu vollbringen. In der Hoffnung, das "uns vom Westen zugeführte parlamentarische Wesen" bald wieder auszutreiben und den Deutschen "ein klares politisches Ziel" zu setzen, weiß sich der Philosoph zuletzt sogar mit Adolf Hitler eins.

Dieses Credo ist unerquicklich genug und für sich schon ein Skandal. Doch es kommt noch schlimmer. Die eigentliche Crux des Tagebuchs liegt dort, wo inmitten des allerdumpfesten Jargons urplötzlich der gestrenge Rationalist das Wort ergreift, um logische Exerzitien über die Natur der Zahlbegriffe abzuhalten. Ganz Philosoph, mißtraut er nun den Emotionen, strebt er, wie sonst in seinen theoretischen Traktaten, einer Klarheit der Begriffe zu, die die Herrschaft unbedachter Worte "über den menschlichen Geist" entschieden bricht. "Man läßt sich gar zu leicht durch die Sprache täuschen", klagt derselbe Mann, der noch soeben den verwerflichsten Idolen folgte und kurz darauf die Blindheit zum Grundprinzip des politischen Handelns erhebt.

Man könne sein Vaterland nicht wirklich lieben und zugleich den Theoretiker hervorkehren. "Wer eine vorurteilslose Prüfung aller Völker nötig findet, um sich dann für das beste zu entscheiden, kennt keine wahre Vaterlandsliebe." Hier spricht "das Gemüt, ohne vorher den Verstand zu Rate gezogen zu haben. Und doch scheint zuweilen eine solche Gemütsbeteiligung zu einem richtigen, verstandesgemäßen Urteilen in staatlichen Fragen erforderlich zu sein." Daher denn die kühle Logik der logischen und die wilde Logik der praktischen Welt gänzlich verschiedene Wege gehen.

Bei einem derart offenen Bruch des Geistes steht die "Dialektik der Aufklärung" auf verlorenem Posten. Da hülfe höchstens weiter, was Freud "das Wagnis einer Pathologie der kulturellen Gemeinschaften" nannte. Denn hier schlingt nicht die Ratio am Ende ihres Weges in Mythologie zurück, hier winkt sie ihrem Anderen, der Unvernunft, respektvoll zu und wandelt unbeirrt auf eigenen Wegen. Wortführer in dieser intellektuellen Sphäre ist nicht der schlichte "Wahnsinn", sondern das double speak einer gründlich halbierten Vernunft. Dem Lob der Wahrheit, die für alle gilt, folgt ohne immanenten Widerspruch das Manifest zum Völkerhaß. Ernst Jünger, Rektor Heidegger, Thomas Mann in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" lassen freundlich grüßen.

Es ist nicht leicht zu sagen, was problematischer ist: eine Philosophie, die vor der sozialen Welt kapituliert, oder eine, die ihre Schematismen auf die Gesellschaft preßt und selber "Ordnung" schafft. Auch dafür liefern Freges Reflexionen Material. Und was für welches! "Man kann anerkennen", schreibt er, "daß es höchst achtbare Juden gibt und es doch für ein Unglück halten, daß es so viele Juden in Deutschland gibt und daß diese volle politische Gleichberechtigung mit den Bürgern arischer Abkunft haben; aber wie wenig ist mit dem Wunsche geschehen, daß die Juden in Deutschland ihre politischen Rechte verlieren oder besser noch aus Deutschland verschwinden mögen. Wollte man Paragraphen formen, die diesen Übelständen abhelfen sollten, so wäre zunächst die Frage zu beantworten: Wie kann man sicher Juden von Nichtjuden unterscheiden? Das mag vor 60 Jahren noch verhältnismäßig leicht gewesen sein. Jetzt scheint es mir sehr schwer."

Wir wissen nicht, ob Freges logischer Fanatismus, seine Suche nach einem eindeutigen "Kennzeichen, aus dem man sicher einen Juden erkennen kann", durch das "Reichsbürgergesetz" der Nazis von 1935 befriedigt worden wäre, das klipp und klar statuierte: "Jude ist, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt." Aber über das dahinterstehende Bedürfnis, Grundsätze zu vergöttern, seine Sache möglichst perfekt zu machen, sämtliche Konsequenzen zu ziehen, die in ihr liegen, wissen wir ganz gut Bescheid.