Wenn dieses Buch Kindern in die Hände fällt (was es unbedingt tun sollte), wird nichts mehr sein wie zuvor. Aber auch Erwachsenen wird es das Leben kräftig durcheinanderwirbeln. Kindergeschichten, Kindergedichte, Abzählverse, Schüttelreime und jede Menge weltweiser Unsinn von Daniil Charms. Eine handliche Aufforderung zur tagtäglichen Subversion. Das Leben ist vernünftig genug.

"Mich interessiert nur der ,Quatsch`, nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat", notierte Charms 1937. Da war er 35, hatte mit den Petersburger Freunden der Gruppe OBERIU nach Kräften und kunstvoll gegen zuviel Vernunft im Leben revoltiert, sich einmal Verbannung eingehandelt und als zutiefst verdächtiges Subjekt etabliert. Die stalinistischen Saubermänner spürten sehr genau, daß die Unsinnspoesie des Herrn Charms die staatliche Ordnung, das verordnete Glück in der Diktatur des Proletariats nicht ernst nahm. Veröffentlichen konnte er deshalb zumeist nur in den Kinderzeitschriften Josch (Igel) und Tschisch (Zeisig); eine Auswahl daraus und aus seinen Kindergedichtbüchern ist "Einfach Schnickschnack" - ein Bändchen für Anfänger jeder Art: einfaches Russisch und leicht zu lernender Widersinn. Mit vielen identischen Reimen, mit Lautmalereien, mit Wortverdrehungen, möglichst getreulich-nachahmend übersetzt.

Hier ist das Unvernünftige und Unmögliche selbstverständlich: ein Elefant auf Rußlands Straßen, Grütze kochende Zeisige, ein Mensch so groß wie ein Eimer. Oder auch zwanzig Meter hoch. Schnickschnack eben. Und eine Lebensphilosophie: Unvernunft als die einzig wahre Lebenshaltung in einer Gesellschaft, die sich voll verordnetem Frohsinn der Zukunft zugewandt glaubt.

Ganz federleicht erzählen die Geschichten aber auch vom verzweifelten Leben des Spaßmachers Charms. Daß Nonkonformität ein Verbrechen, der Narr ein Außenseiter ist: ",Was ist denn das?` sagen sie. ,In dem Auto sitzt so was von einem Lalli, hat sich einen Esel auf die Knie gesetzt und hält mit den Händen ein Boot über dem Kopf. Ha! Ha! Ha!`" Wer Lachen macht, hat nichts zu lachen. Und plötzlich liest man die Endloslieder, die am Ende wieder von vorn beginnen, als ein verzweifeltes Anreden gegen das Verstummen. Nur ja nicht das Maul stopfen lassen! Solange ich quatsche, bin ich. Die Kunst-, die Lebenstheorie des vom Hunger dünnen Schriftstellers Charms kommt aus dem Geist des unendlichen Lieds vom Mops, der in die Küche kam und dem Koch ein Ei stahl; eine Litanei wider die Pflicht zur Bedeutsamkeit.

Charms hat geahnt, daß er sich mit seiner kinderfreundlichen, ideologiefeindlichen literarischen Anarchie um Kopf und Kragen redet. Und es den Lesern der Zeitschrift Tschisch gesagt. "Ein Mensch ging aus dem Haus" heißt sein Kindergedicht über die stalinistischen Säuberungen: "Und eines Tages im Morgengrauen / Kam er in den dunklen Wald. / Und seitdem / Und seitdem / Und seitdem ist er weg." Im Sommer 1941 wird Charms verhaftet und in eine Irrenanstalt gesteckt. Am 2. Februar 1942 stirbt er, unter ungeklärten Umständen, an unbekanntem Ort.

Aber hereinspaziert, Damen und Herren, in seinen "Zirkus Printinpram"! Glauben Sie das Unglaubliche! "Hundert Kühe / Zweihundert Biber / Vierhundertzwanzig / Gelehrte Stechmücken / Zeigen vierzig / Erstaunliche / Nummern." Und ein gelehrter Papagei frißt einen eingelegten Rettich. Darüber leuchten die Sterne: Die Freiheit beginnt, wo der Sinn endet.

Daniil Charms: Einfach Schnickschnack Aus dem Russischen von Gisela und Michael Wachinger; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1995; 132 S., 10,90 DM