Vielleicht sollte man Uri Orlev einmal einladen und ihm bei Talk-Shows das Wort erteilen: zum Thema Gewalt und Kinder, Krieg spielen, Köpfe abschlagen und dergleichen. Schließlich überlebte der 1931 in Warschau geborene Schriftsteller das Warschauer Ghetto, einige dunkle Verstecke und zwei Jahre im Lager Bergen-Belsen. Und doch: In trüben Stunden holten er und Bruder Stefan ihre Soldaten hervor und spielten Krieg. Immer wieder.

"Das Sandspiel" nennt Uri Orlev seine autobiographische Erzählung. In dem schmalen Büchlein wird vom Krieg in der Wirklichkeit berichtet und - im gleichen Atemzug - vom Krieg im Wohnzimmer der zwei Orlowski-Brüder (der hebräische Name Orlev wurde dem beliebten israelischen Kinderbuchautor erst in den fünfziger Jahren von einem jüdischen Verleger nahegelegt). Fast im Plauderton vermittelt er dem Leser, wie zentral diese Spiele, Phantasien und Träume für die von Krieg und Terror begleiteten Kinder waren, wie selbstverständlich beides parallel lief (und läuft).

Eines Nachts muß der kleine Uri durch das schon verlassene Ghetto gehen. "Und wer jetzt denkt, daß ich vor den Deutschen Angst gehabt habe, der irrt sich. Meine Angst vor Geistern war viel größer." Spricht da der Galgenhumor? Oder erzählt hier jemand, der auf die Beständigkeit der Gefahr mit der Eigenständigkeit eines Kindes reagierte? Glaubt man Orlev, so spielt er jedenfalls noch heute Krieg - nämlich mit seinen Söhnen.

Das verblüffende an Orlevs Erinnerungen ist die Leichtigkeit, mit der Kriegsgeschichte Eingang in persönliche Kindheitsgeschichte findet. Oder umgekehrt. Ganz ähnlich ist es bei Lydia, dem kleinen Mädchen aus Bukarest in Orlevs Roman "Lydia, Königin von Palästina". Stur, eigenwillig, mitunter auch hinterhältig, wird sie zum Alptraum aller Erwachsenen. Und während sich - wie überall im Europa der dreißiger Jahre - auch in Rumänien das Netz um die jüdische Bevölkerung zusammenzieht, trägt Lydia ihre privaten Fehden mit reichlich kriegerischen Methoden aus. Ungeliebte Menschen, wie die neue Frau von Papa, werden einfach aus der Welt befördert. Dazu holt sie ihre Puppen, hält vor versammeltem Publikum Gericht und fällt schließlich den Schuldspruch: Kopf ab, Schlinge um den Hals, oder ab ins Wasser. Vollstreckt wird das Urteil an einer Puppe, und danach kehrt wieder Seelenfrieden ein. Bis zum nächsten Feind. Wie ihr literarischer Schöpfer Orlev überlebt auch Lydia den großen Krieg und fährt 1943 mit einem Kindertransport nach Palästina. Dort setzt sie sich auf die ihr eigene Art im Kibbuz durch. Sie findet den Vater mit "Dieser-Frau" wieder, die vor ihren Augen längst gestorben ist. Und sie wartet auf die Mutter, der am Ende auch die Flucht nach Palästina gelingt - mit einem neuen Mann. Da müssen ihre Puppen wieder ran und Lydia widmet sich wieder ihrem alten ureigenen Ziel: Sie will Königin von Palästina werden.

Hier endet das Buch. Doch wer Uri Orlev kennt, weiß, daß Lydia es schaffen wird. Ein paar Gerichtstermine angesetzt, ein paar Exekutionen vollstreckt, und schon . . . Die Welt ist ja ohnehin nicht so, wie sie sein sollte. Man müßte Uri Orlev genauer zu dem Thema befragen, falls er nicht gerade Krieg spielt.

Uri Orlev: Das Sandspiel Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler; Elefanten Press, Berlin 1994; 56 S., 16,90 DM

Lydia, Königin von Palästina Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler; Elefanten Press, Berlin 1994; 124 S., 26,90 DM