Der Islam hat die traditionelle Lebensform der Tschetschenen kaum verändert. Sie haben ihn ihren überlieferten Vorstellungen angepaßt. Bis heute steht das Gewohnheitsrecht - "Adat" - über dem kanonischen Recht der Sunna. Die rauhen Krieger hatten keine Zeit, fünfmal am Tag zu beten. Sie glauben an Allah und seinen Propheten, doch nicht ohne Alkohol. Die tschetschenischen Frauen sind unverschleiert, hochgeachtet und frei - stolze Töchter der aus der Überlieferung bekannten Kriegerinnen, die sich, samt ihren Kindern, dem Feind entgegenwarfen.

Der Islam dient heute - wie zu Schamils Zeiten - vordergründig zwar als Motivationselement im Widerstand gegen den russischen Neokolonialismus. Er ist jedoch im Volk noch nicht tief genug verwurzelt, um sich wie im benachbarten Daghestan und im Iran als staatstragende Macht zu etablieren. Vielmehr war es die neue Generation laizistischer Intellektueller, die den ideologischen Impuls gab für die Loslösung von Rußland.

Es ist jedoch nicht auszuschließen, daß die menschenverachtende Brutalität, mit der die Russen gegen das in seiner Geschichte so oft geschundene Volk vorgehen, die Tschetschenen - wie damals unter Schamil - in die offenen Arme des militanten Islam treibt.