Stefan Aust hat im Spiegel seinen ersten Coup gelandet. Die Titelgeschichte dieser Woche - "Bedingt angriffsbereit" - ist ein Fall für Genießer. Programm und Regierungserklärung zugleich.

Diese Titelzeile, sie krönt eine Geschichte über deutsche Soldaten für die Uno, ist ein modifiziertes Selbstzitat der allerfeinsten Art. Sie erinnert an die berühmteste all ihrer Vorgängerinnen: "Bedingt abwehrbereit" aus dem Jahre 1962. Die dazugehörige Geschichte ist unter der Rubrik "Spiegel-Affäre" Geschichte geworden. Sie brachte erst Augstein ins Gefängnis (Konrad Adenauer: "ein Abgrund von Landesverrat"), dann Franz Josef Strauß um sein Amt als Verteidigungsminister.

Die Spiegel-Affäre ist heute das klassische Beispiel für investigativen Journalismus, für journalistische Unbeugsamkeit, für die Rolle des Spiegels als "Sturmgeschütz der Demokratie" (Rudolf Augstein).

Daran also erinnert Stefan Aust heute Redaktion und Publikum. Und das ist nur zu gut zu begreifen, zumal in diesen Tagen.

Diese Tage sind, jedenfalls waren, keine guten Tage für den Spiegel. Die Gründung von Focus, der ungewohnten Konkurrenz, hatte den einstigen Monopolisten zittern gemacht. Das Anzeigengeschäft nahm schweren, die Auflage leichteren Schaden. Was tun dagegen? Etwa dem Focus-Rezept folgen, Häppchenjournalismus bieten, verpackt in Fernseh-Optik, im Dienste angeblich neuer Lesegewohnheiten?

Über Monate stand die Ungewißheit dem Blatt ins Gesicht geschrieben. Personelle Querelen wurden ruchbar, Chefredakteure ernannt, verschoben, entlassen (ZEIT Nr. 51/1994). Zu besichtigen war schließlich: Focus bildete nur vordergründig das Problem. Als eigentliche Ursache allen Übels entpuppte sich, daß der Übergang von der Gründergeneration auf die nächste mißlungen war. Also unternahm Rudolf Augstein, Gründer und geistiger Feudalherr des Magazins, einen neuen Versuch. Gegen einen ziemlich geschlossenen Widerstand der Redaktion, der ebenso ziemlich rasch gebrochen war, inthronisierte er Stefan Aust als neuen Chefredakteur; der war zuvor Boß von "Spiegel TV" gewesen.

Und sogleich rauschte es mächtig, intern und im Blätterwald. Das öffentliche Bild von Stefan Aust wurde mit Klischees schlicht und einfach zugeklebt. Nur ein paar Kostproben: Aust sei der Ziehsohn von Augstein, wenn nicht ein unehelich wirklicher; er dulde, beruflich, nur junge Dinger um sich; der Fernsehjournalist sei Liebhaber populistischer Boulevardthemen, und so werde er den Spiegel regieren; er sei ein altlinker Renegat und damit Symbolfigur für die gern zitierte Geschichtslosigkeit der Medien; noch dazu ein Workaholic und Leuteschinder, ein Mann auch, der seine Mitarbeiter gnadenlos auf die Straße kegelt.