In den alten Märchen wird am Ende, wenn der Schrecken vorüber ist, der Gute belohnt, der Böse bestraft, so soll es sein. Im Schauspiel "Die Schattenlinie", einer neuen Arbeit aus der Märchenwerkstatt des Dichters Tankred Dorst und seiner Mitdichterin Ursula Ehler, wird der Gute vom Anfang bis zum Ende verhöhnt und gestraft. Wie kann das sein? Vielleicht ist das Stück gar kein Märchen. Vielleicht ist der Gute so fürchterlich gut, daß er alle Höllenqualen auf Erden verdient.

Herr Malthus ist Menschenfreund. Sein Haus steht allen offen, sein Herz erst recht. Herr Malthus möchte jeglichen Tag als edler Mensch beginnen und als noch edlerer Mensch beenden. Er will die Welt verbessern und weiß, daß man mit der Verbesserung der Welt bei sich selber beginnen muß. Für das Böse in den anderen hat er immer eine Entschuldigung und tausend Erklärungen. Dem Bösen in sich selber gibt er keine Chance - er möchte es abtöten, bevor es noch zum Leben erwacht. Ein Gewaltakt, zum Scheitern verurteilt.

Herr Malthus ist einer von uns, einer wie wir. Ein Ur- und Erz- und Scheißliberaler. Ein Fortschrittsfreund von der traurigen Gestalt. Ein erledigter Fall, ein Mann auf verlorenem Posten. Denn das harte Leben hat ihn für seine ewige, weichliche Freundlichkeit grausam, aber gerecht bestraft. An jenem Ort, wo das Leben am besten Gerichtstag hält: in der lieben Familie.

Herr Malthus hat eine Frau. Eine Lettin. Er hat sie geheiratet, weil ihn, wie jeden anständigen Deutschen, das Fremde lockt und begeistert. Das war einmal. Jetzt besteht die Ehe des Herrn Malthus darin, daß der Gatte immerzu redet, die Gattin immerzu schweigt. Die Frau geht durchs Haus wie eine stumme Rachegöttin, der die Kraft zur Rache abhanden gekommen ist.

Herr Malthus hat drei Kinder, wie der König Lear. Der Erstgeborene ein Krüppel, ein Idiot. Der zweite Sohn ist aus dem liberalen Elternhaus entflohen zu den Skinheads, brütet nun Vatermord aus oder andere Gewalt. Die Tochter immerhin ist eine treue Seele (wie Lears Cordelia), doch eine reine Freude für den Papa ist sie nicht: Ausgerechnet einen Schnösel von der Bank, einen Flott- und Flachmann stellt sie dem erschaudernden Vater als ihren Liebhaber vor.

Martern aller Arten. Manchmal verliert Herr Malthus die Fassung und schlägt um sich und schlägt zu. Gleich danach aber nimmt er sich wieder in den Würgegriff der Toleranz. Schließlich ist Lessing sein absoluter Liebling - ein Vater und Gott, unter dessen milde-strengen Augen man als aufgeklärter Mensch nicht versagen darf.

Herr Malthus ist ein tragischer Fall, aber nur beinahe. Seine Kopfstimme klingt hell und menschenfreundlich (der kleine Lessing), seine Bauchstimme aber dumpf und bedrohlich. Er ist der allen bekannte tolerante Schwätzer und ewige Sülzer, der progressive Spießer; der Ordnungsdeutsche (Baujahr 68), zu dem, ganz logisch, der Sohn als Gewaltdeutscher gehört, wie der Schatten zum Licht. Ein Großfürst der Phrasen, von Dorst in der Manier Sternheims und Horváths (oder auch Gerhard Polts) beinahe kabarettistisch bloßgestellt.