Wer ist der Mann, zu dessen Tagung - einmal jedes Jahr - Regierungschefs, Minister, Senatoren, Abgeordnete, Wirtschaftsbosse, Generäle, Admiräle und Sicherheitsexperten kommen? Was veranlaßt sie - aus Amerika, Europa, Rußland -, zur Wehrkunde-Tagung ("Konferenz für Sicherheitsfragen") nach München zu reisen, nur weil ein Privatmann sie ruft? Es liegt an seiner Persönlichkeit, aber auch daran, daß in seinem Kreis jeder reden soll, wie ihm zumute ist. Ohne Harmonieduselei. Heuer soll geklärt werden, "wie Amerika und Europa im Wandel der Zeit miteinander umgehen". Eingeladen hat wieder: Ewald von Kleist.

Er stammt aus einem der ältesten deutschen Geschlechter. Die Vorfahren waren mit den großen Wanderbewegungen ins Wendenland gekommen, deutsche Kolonisatoren, denen es im Westen zu eng geworden war. Der Landhunger trieb sie über die Elbe nach Osten. Sie fanden ihn erst gesättigt, als sie riesige Ländereien erobert und unter den Pflug gebracht hatten. Allerdings brauchten sie Jahrhunderte, bis sie den Widerstand der Westslawen gebrochen und deren Knie vor dem Kreuz gebeugt hatten. Dabei vermischte sich - wie es halt so geht - Germanisches mit Slawischem und schuf einen Menschenschlag, der im preußischen Junker seine prägnanteste Form fand. Schon Bismarck, ebenfalls Kind dieses Lebensraums, meinte dazu, die Preußen hätten die Fügsamkeit der Slawen und die Männlichkeit der Germanen, diese Mischung sei Grund "ihrer staatlichen Brauchbarkeit". Ob Ewald von Kleist dieses Urteil teilt, bleibt offen.

Er wurde im Juli 1922 auf Schloß Menzin, im Regierungsbezirk Köslin, geboren. Wer an Horoskope glaubt, wird überzeugt sein, ihn habe das Sternzeichen des Krebses so bestrahlt, daß sich eine hochentwickelte Empfindsamkeit hinter einer gelegentlichen Rauhbeinigkeit verbirgt. Doch richtig sagt die Sterndeuterei, daß ihm Familie, Vaterland und Geschichte viel bedeuten. Auch, daß er aus Vergangenem seine Rückschlüsse für Gegenwart und überschaubare Zukunft zieht. In ihm lebt zudem das Erbe, das seine Vorfahren übers östliche Elbufer mitbrachten: Zuverlässigkeit, Gestaltungskraft, Freundestreue.

Der Vater hatte bestimmenden Einfluß auf ihn. Er war ein Tatmensch monarchistischer Prägung, Rittergutsbesitzer. Die scheinbare Grenzenlosigkeit der Landschaft, in die seine Felder eingebettet waren, hatte mitgewirkt, ihm auch Großräumigkeit im Denken und Handeln zu vermitteln. 1939 fuhr er nach England, um Churchill und dessen Berater Vansittart vor Hitlers Kriegsideen zu warnen - ergebnislos. Denn Vansittart, verrannt wie er war, zweifelte seit langem, ob eine Schwächung Hitlers ein großer Gewinn für England wäre. Er glaubte eher an das Gegenteil. So fuhr Kleist enttäuscht zurück. Er war ein Mann, der auf Anstand setzte. Seine Wahrheitsliebe war so groß, daß er nicht schwindelte, selbst wenn es ihn das Leben kostete. 1945 ließ Hitler ihn hinrichten.

Von seiten der Mutter bekam Ewald von Kleist anderes mit. Sie war eine musisch begabte Schönheit, sang vorzüglich und spielte hinreißend Klavier. Damit war sie sogar am Radio zu hören, was ihr bei der Weltentlegenheit mancher pommerschen Familie vermutlich den Ruf der Exzentrikerin einbrachte. In Wahrheit regierte sie das Schloß mit fester Hand. Sie wollte nicht, daß ihr Sohn Ewald nur von Hauslehrern unterrichtet würde. Ab Obertertia sollte er in eine andere Landschaft, zu anderen Lehrern, anderen Menschen, kurz: in eine andere Welt kommen. So wurde Ewald auf den Birklehof bei Freiburg geschickt, eine Gründung des pädagogischen Neuerers Kurt Hahn. Nun fand er sich in einer Landschaft wieder, die den Blick mit Hügeln und Bergen begrenzte. Da wuchsen Trauben, Kirschen, Pfirsiche, die ein mildes Klima ausreifen ließ. Der Gegensatz zu den herben, verborgenen Reizen seiner Heimat hätte größer nicht sein können. Hier war alles offen und von liberalem Geist durchweht. Denn im Badischen moussierte noch immer ein wenig die Unruhe, die einst die Französische Revolution über den Rhein geweht und mit ihr ganz Süddeutschland, zuletzt sogar Berlin, angesteckt hatte. Was damals für die Konservativen eine Art Weltuntergang gewesen war, marginalisierte der junge Kleist. Dennoch durchlief er im Süden einen Prozeß der Veränderung, wenn man so will: der Verwestlichung. Dabei wollte er die Bindung an den Osten nicht lockern. In dieser Lebensphase wirkte er auf manchen Mitschüler verschlossen. In Wahrheit hatte er dies alles allein und in der Selbstzucht zu verarbeiten, die ihm das Elternhaus eingegeben hatte.

Nach dem Abitur lernte er Landwirtschaft in Pommern. Die Lehre war hart. Noch heute erzählt er, daß ihm zur Winterszeit selbst die Brote in der Tasche einfroren. Nun lebte er wieder in seiner alten Welt, manchmal mit Sehnsucht nach der vorangegangenen. Dann kam der Krieg. Er meldete sich als Fahnenjunker beim Infanterie- Regiment 9: genannt "Graf 9", weil dort so viele Adlige dienten. Mit dem Regiment kam er an die Ostfront. Nicht dessen Leistungen im Krieg, die denen anderer Regimenter ähnelten, wurden bedeutsam, sondern die Distanz, die dort zur Hitlerei herrschte. In diesem norddeutschen Regiment wie im süddeutschen Regiment der "Bamberger Reiter" wuchs der Gedanke, Hitler umzubringen. Nur durch Tyrannenmord schien Deutschland noch zu retten. Beim deutschen Adel brach, in Nord- wie in Süddeutschland, der Instinkt durch, lieber zu töten, als alte Werte verkrüppeln zu lassen. Nicht alle dachten so. Der eine oder andere glaubte erst später, auch dabeigewesen zu sein.

Ewald von Kleist war dabei. Befragt, ob er bereit sei, Hitler zu ermorden, bat er um Bedenkzeit. Er fragte seinen Vater: ja oder nein? Auf das "Ja" des Vaters meinte der Sohn, dies könne ihn das Leben kosten. Daraufhin ging der Vater zum Fenster, um zu verbergen, wie bewegt er war, und sagte: "Wer in einem solchen Moment versagt, wird seines Lebens nicht mehr froh." Damit war die Entscheidung gefallen. Ewald von Kleist sollte Hitler bei der Vorführung angeblich neu erprobter Uniformen in die Luft sprengen und aller Voraussicht nach damit auch sich selbst. Er erhielt den Sprengstoff im grünen Plastikbeutel, wußte aber nicht, woher er kam, wer ihn besorgt hatte, durch welche Hände er gegangen war, bis er ihm überreicht war. Und dann? Wieder einmal rettete Hitler sein Schutzteufel. Die Uniformen verbrannten irgendwo. Erneut war ein Coup gegen den Führer gescheitert, bevor er begonnen war.

Erst am 20. Juli 1944 zündete Stauffenberg die Bombe. Kleist war bei den Verschwörern im Berliner Bendlerblock. Wie dort alles ausging, ist bekannt. Die einen wurden erschossen, die anderen verhaftet. Ewald von Kleist kam in Handschellen. Er wurde in mehrere KZs verschleppt und aus der Wehrmacht verstoßen. Später ließ man ihn frei, wohl um zu beobachten, ob er Mitverschwörer aufsuchte, die dann zu fassen wären. Kleist blieb vorsichtig. Ein Offizier, der damit seinen Kopf riskierte, gab ihm einen falschen Marschbefehl nach Italien. Dort sollte er sich dann weiter durchschlagen. Es glückte ihm.

Dieses Jahr kommen wieder politische Größen zu ihm nach München geflogen. Erstmals hat er auch Teilnehmer aus Rußland, Polen, Tschechien und Ungarn eingeladen. Für Rußland wird der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Juschenkow reden. Ihn hatte erst kürzlich Verteidigungsminister Pawel Gratschow als "kleine Ratte, die Bastarde verteidigt und Rußland zerstören will" beschimpft. Aus Amerika kommen zehn Senatoren, ein Zehntel des gesamten Senats. Und von wer weiß woher reisen siebzehn Minister an, darunter der französische Außenminister. In ihrer Mitte wird Ewald von Kleist sitzen und das Wort erteilen. Sein Leben beweist, daß er, um mit Goethe zu reden, ein Mann ist, "ohne Halbheiten und Schiefheiten".

Gerd Schmückle, General a.D., war bis zu seiner Pensionierung 1980 deutscher Stellvertreter des damaligen Nato-Oberbefehlshabers Haig