Alle reden vom Schürmann-Bau, wir nicht. Wir von der Schääl Sick, von der anderen Rheinseite in Beuel, bekommen vom Hochwasser das meiste ab. Irgendwie war das immer so. Bonn ist die Oberklasse, in Beuel wohnt der Rest. Pegelstand 9,63 Meter.

Ernst Dieter Lueg hat sich nun offiziell verabschiedet im "Bericht aus Bonn", den er zehn Jahre lang leitete. Friedrich Nowottny, Luegs Vorgänger als ARD-Studioleiter, platzte hinein in die laufende Sendung, schließlich habe Lueg doch "ein Stück Bonner Fernsehgeschichte" gemacht. Am Ende dann die Szene, in der er Herbert Wehner plötzlich "Herr Wöhner" nannte - als spontane Replik, weil der ihn "Herr Lüg" geschimpft hatte.

Pegelstand 9,72 Meter.

Benjamin (6) knöpft sich die Schwimmweste fest und steigt in den Keller, um nachzusehen, ob der Rhein schon da ist.

Die Erfindung des Fernsehens hat dieser "Wöhner" wie kein anderer als Tragödie für die Politik empfunden, weil es nun vollends auf Ansehen, Aussehen und Message ankomme, also auf alles, was er haßte. Erst heute wird das Kriterium "fernsehgerecht" auf Politiker und Moderatoren gleichermaßen angewandt. Lueg war ein Fernsehmann, aber irgendwie kein fernsehgerechter. Das Fernsehen hat inzwischen eigene Moderatorentypen kreiert, alert und durchgestylt. Aber oft wissen die vermutlich gar nicht mehr, wer dieser Herr Wöhner war.

Pegelstand 10,06 Meter. Die US-Botschaft drüben, in Mehlem, schließt.

Leider ist der Schürmann-Bau zu groß, aber eigentlich gehört er ins Haus der Geschichte. Weil dieser Rohbau, für die Abgeordneten gedacht, schon 1993 vom Rhein unterspült wurde, stürzte die Bauministerin Schwaetzer. Klaus Töpfer, der Nachfolger, wollte ihr Schicksal nicht auch erleiden: Der Bau wurde von Fachleuten rund um die Uhr bewacht, in eine Mauer waren schon hundert Löcher gebohrt, um ihn im Notfall "kontrolliert zu fluten".