Berlin

Wer tritt gegen Eberhard Diepgen an, wenn die Berliner im Herbst ihr Abgeordnetenhaus neu wählen? Darüber können rund 24 500 eingeschriebene Sozialdemokraten in über hundert Wahllokalen, die in Seniorenclubs, Gaststätten, Schulen, bei der Arbeiterwohlfahrt oder in SPD-Kreisbüros eingerichtet werden, direkt entscheiden: Walter oder Ingrid, am Samstag abend wird man's wissen. Eine solche Urwahl der Berliner SPD hat es zuletzt am 31. März 1946 gegeben: Damals sprach sich eine überwältigende Mehrheit der Westberliner Genossen gegen die Vereinigung von SPD und KPD zur SED aus.

Diesmal wird das Ergebnis nicht so eindeutig ausfallen. In den Prognosen liegt mal der eine, mal die andere vorn. Die Entscheidung fällt nicht leicht. Walter Momper ist populär, kantig und knorrig, er hat von Anfang 1989 bis Ende 1990 in einer rotgrünen Koalition, die freilich kläglich zerbrach, Regierungserfahrung sammeln können. Nun macht er mit zahlreichen Helfern einen professionellen Urwahlkampf: "Der rote Schal ins rote Rathaus." Ingrid Stahmer ist beliebt, freundlich und beharrlich, hat seit 1981 als Sozialstadträtin und als Senatorin in den Ressorts Gesundheit, Soziales, Jugend und Familie Kompetenz bewiesen, scheut seit einer zweijährigen Zeit als Stellvertreterin des Regierenden auch nicht mehr die "Häppchenempfänge" und weiß vor allem viele Funktionäre der Partei hinter sich: "Lieber mit Ingrid durch dick und dünn als mit Walter auf und ab."

Die beiden treten vor Kreisverbänden oder in Fernsehdiskussionen gern gemeinsam auf; dann möchten sie nur Nettes übereinander sagen. Aber die Unterschiede in den Temperamenten werden deutlich. Während Momper - der in Kürze fünfzig wird - eine etwas harschere Gangart des Senats im Umgang mit der Bundesregierung fordert, möchte Ingrid Stahmer Konflikte mit Bonn durch eigene Erfolge abbauen. Und wenn Walter Momper auf den Vorwurf, daß er zur Polarisierung neige, entgegnet, das gehöre eben auch zum politischen Geschäft, sagt Ingrid Stahmer, daß die Berliner vor allem "die Berücksichtigung ihrer Sorgen und Ängste und 'ne ruhige Hand" brauchten. Aber sie fügt hinzu: "Die sanfte stille Ingrid ist auch nicht immer so sanft und still." Nur in Untertönen wird gelegentlich deutlich, daß die beiden sich eigentlich herzlich wenig zu sagen haben.

In den politischen Zielen unterscheiden sie sich nicht merklich; allenfalls die Schwerpunkte sind anders gelagert. Walter Momper betont in seinem Elf-plus-eins-Punkte-Programm die Sicherung der industriellen Substanz und eine offensive Wirtschafts- und Standortpolitik. Bei Ingrid Stahmer spielen schon von Berufs wegen - die 52jährige ist gelernte Sozialarbeiterin - soziale Fragen eine größere Rolle, "obwohl ich nicht sage, wir sind nur für die Benachteiligten da, denn ohne die Starken können wir für die Schwachen überhaupt nichts machen".

Wenn Momper allerdings erklärt, der Unterschied zwischen ihm und seiner Konkurrentin sei nur "millimeterbreit", dann entgegnet diese, das sei eine typisch männliche Aussage, die sich nur auf das Geschriebene, das Programmatische beziehe. "Wichtig ist doch auch: Wie will ich das ins Werk setzen? Wie erreiche ich, daß die Interessengruppen sich an einen Tisch setzen und daß im Senat anders und besser zusammengearbeitet wird?"

Die Fähigkeit zum Ausgleich, zur Vermittlung, die Ingrid Stahmer sich zutraut, wird Momper nicht gerade nachgesagt. Im Gegenteil, einer seiner ältesten und besten Freunde, der frühere Bundestagsabgeordnete Gerd Wartenberg, meint, wer heute Politik vermitteln wolle, der müsse Offenheit zeigen und zuhören können. "Die Attitüde von Walter Momper - hier kommt der starke Mann, der weiß, wo es langgeht - führt meistens in die Sackgasse. Er wußte und weiß häufig keineswegs so genau, wo es langgeht."

Die Sozialsenatorin möchte es anders machen, falls ihr denn die Ablösung von Eberhard Diepgen gelingen sollte. Sie will zuhören, ausgleichen, "mit den Menschen und nicht über sie hinweg". Und sie wünscht sich die Richtlinienkompetenz, die der Regierende Bürgermeister nach der Verfassung nicht hat: "Ich glaube, daß es mir gelingen kann, Chefin zu sein, ohne daß ich den Anspruch habe, daß meinen Ideen immer gefolgt werden muß."

Einig sind sich Stahmer und Momper im Wahlziel: "Die große Koalition muß weg." Will die SPD, die bei den letzten Wahlen von 37 auf 30 Prozent absackte, das erreichen, muß sie in Ostberlin der PDS und in Westberlin der CDU Stimmen abjagen - ein schwieriger Spagat. Und die Kandidatenauslese wird nicht zuletzt davon abhängen, wem die Genossen dieses Kunststück am ehesten zutrauen.

Für eine rotgrüne Koalition haben die Grünen bereits etliche Kröten präsentiert, die die SPD schlucken müßte. Andererseits würde sich Momper, wenn rechnerisch wieder nur die große Koalition bliebe, nur höchst unwillig darauf einlassen. Ingrid Stahmer wäre da wohl pragmatischer. "Wir sollten uns im Wahlkampf weder auf die eine noch auf die andere mögliche Koalition einstellen."

Auch wenn das Abgeordnetenhaus erst im Herbst, voraussichtlich am 22. Oktober, gewählt wird, so hat mit der Urabstimmung schon der Wahlkampf begonnen. Die SPD-Kandidaten zeigen Flagge und profilieren sich, während der CDU-Kandidat immer unfroher und blasser wirkt.