Die Diagnostik rast, die Therapie hinkt. Dieser notorische Widerspruch der modernen Medizin ist auch im Fall der Alzheimer-Krankheit zu besichtigen. Vor kurzem stellten Ronald Reagans Ärzte fest, daß der Expräsident diese Krankheit entwickele. Sie droht vor allem älteren Menschen: Etwa vierzig Prozent der Neunzigjährigen leiden an Demenz, die meisten an der gefürchteten Alzheimer-Variante, bei der Verstand und Gedächtnis der Opfer allmählich schwinden. Wann das Leiden bei Reagan begann, ist ungewiß. Als die Mediziner schließlich begannen, den Ausfällen nachzugehen, brauchten sie noch ein Jahr, um die Krankheit festzustellen. Absolut verläßlich kann die Diagnose freilich nur nach dem Tode gestellt werden, denn dann lassen sich die für Alzheimer typischen "Plaques" im Gehirn nachweisen. Vorher herrscht Unsicherheit, die mit großem Aufwand überspielt wird: Psychologische Testbatterien kommen zum Einsatz, dazu schweres medizinisches Gerät wie Kernspintomographen. Um sicherzugehen, wiederholen die Ärzte die Prozeduren mehrfach.

Nun präsentieren gleich mehrere Forscherteams Untersuchungen, die schon früh verraten sollen, wer mit dem Schwinden seines Verstandes rechnen muß.

Ein Team um den New Yorker Neuropsychologen David Masur behauptet, daß gängige psychologische Tests das Schicksal vorhersagen, wenn sie mit einer speziellen Formel ausgewertet werden. Masur untersuchte über 300 Menschen im Alter um die achtzig Jahre, die alle noch gesund waren. Von den dreizehn mit den schlechtesten Ergebnissen erkrankten später immerhin elf - Masur brüstet sich daher mit einer Vorhersagegenauigkeit von 85 Prozent.

Ähnlich simpel funktioniert die Methode von Huntington Potter, einem Neurowissenschaftler der Harvard Medical School. Wie ein Augenarzt benutzt er eine Flüssigkeit, die die Pupillen erweitert - allerdings in starker Verdünnung. Bei Gesunden öffnet sie die Pupillen kaum, wohl aber die von Alzheimer-Patienten. Auch bei einem scheinbar nicht Betroffenen signalisierte die Untersuchung Alarm - neun Monate später verschlechterte sich sein Gedächtnis dramatisch.

Anfang des Jahres wurde wieder eine Früherkennungsmethode bekannt: Japanische Forscher wollen binnen einer Minute aus den Bewegungen der Augäpfel auf die Krankheit schließen können. Schon im frühen Stadium reagieren diese angeblich auf bestimmte Reize langsamer.

Wie gut solche Blitztests funktionieren, ist die eine Frage, die wichtigere ist indessen, ob die Ärzte den Untersuchten mit ihrer vorausschauenden Diagnose wirklich helfen. Was hat der Kranke davon, wenn er erfährt, welch trauriges Schicksal auf ihn wartet? Prädiktive Diagnostik, die dieses Problem entstehen läßt, gibt es auch für eine Reihe anderer Krankheiten, etwa den Veitstanz (Chorea Huntington). Sie verhilft indes in vielen Fällen nur zu Wissen, nicht zur Heilung.

Die Alzheimer-Krankheit läßt sich derzeit nicht heilen. Die Ärzte können allenfalls versuchen, mit Medikamenten und Trainingsprogrammen wie dem sogenannten Gehirnjogging den Abbauprozeß zu verlangsamen. Die Nervenärztin Gabriela Stoppe, die an der Universitätsklinik Göttingen die Gedächtnissprechstunde leitet, meint daher: "Wir untersuchen lieber einen Gesunden mehr, als daß jemand erst kommt, wenn die Heimeinweisung ansteht."