CLOPPENBURG. - Nirgendwo grunzen so viele Schweine, gackern so viele Hühner wie im Süden Oldenburgs. Nach einem Hahn, der auf dem Misthaufen kräht, muß der Besucher dennoch lange suchen. Denn in dieser Ecke werden nur Hähnchen groß. Und das Borstenvieh darf schon lange keinen Mist mehr machen. Im Zentrum dieser Hochburg der deutschen Massentierhaltung liegt der Landkreis Cloppenburg. Von den Tierärzten, die hier ihrem Beruf nachgehen, wird einiges erwartet - ein Herz für Tiere nicht unbedingt.

Daß an der Spitze des Kreisveterinäramtes ein engagierter Tierschützer steht, ist darum alles andere als selbstverständlich. Und wenn der Veterinärdirektor auch noch ein Beamter mit Zivilcourage ist, ist der Krach schon programmiert. Die Rede ist von Hermann Focke. Der Veterinäramtsleiter hat den Konflikt nicht gescheut. Bundesweit bekannt wurde der 54jährige, weil er die Tierquälerei bei internationalen Viehtransporten anprangerte. Für seine Verdienste um den Tierschutz ist er im Januar 1994 mit dem Dr-Wilma-von-Düring-Forschungspreis der Freien Universität Berlin ausgezeichnet worden. Auf eine Gratulation seiner Dienstvorgesetzten aber wartete er vergebens. Statt dessen leiteten sie ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Und auch eine Strafanzeige schwebt über dem Haupt des Tierschützers. Was hat der Mann verbrochen?

Während die Schweinepest im Landkreis wütete, soll Focke seinem Vorgesetzten Strafvereitelung im Amt vorgeworfen haben. Der stellvertretende Verwaltungschef, so lautet der Vorwurf Fockes, habe lange nichts unternommen, obwohl ihm bekannt gewesen sei, daß Viehhändler illegal Schweine aus dem Sperrgebiet nach Dresden und anderswo transportiert hätten - 30 000 Stück.

Beleidigung, Verleumdung, Illoyalität - die attackierte Behördenspitze schlug zurück. "Es kann nicht sein, daß ein Untergebener hausinterne Dinge preisgibt", sagt Oberkreisdirektor Herbert Rausch. Und nach hausinternen Ermittlungen empfahl der Rechtsdezernent des Landkreises, die Affäre an die Disziplinarkammer des Verwaltungsgerichts Oldenburg weiterzuleiten. Das Ermittlungsverfahren läuft.

Nicht erst während der Schweinepest war der Leiter des größten deutschen Veterinäramtes mit seinen Vorgesetzten aneinandergeraten. Einen "Maulkorb" hatte der Kreisdirektor dem Beamten schon wegen seiner Aktivitäten in Sachen Tiertransporte verpaßt. Mehrmals war der Veterinärdirektor zumeist in seiner Freizeit Viehtransporteuren bis ans Mittelmeer nachgereist, hatte aufgedeckt, daß Spediteure Bullen tagelang durch Europa kutschieren, ohne sie zu füttern oder zu tränken, um sie schließlich halbtot nach Nordafrika oder in den Nahen Osten zu verschiffen - ein Schlachtviehtransport, der erst dank staatlicher Zuschüsse so richtig lukrativ ist.

Blick zurück: Bei einem Besuch des kroatischen Mittelmeerhafens Rasa entdeckt Focke Bullen, die 74 Stunden unterwegs gewesen sind und hungrig und durstig in glühender Hitze auf ihren Anhängern stehen. Reihenweise brechen die Tiere zusammen. Fünfzehn "Totalverluste" sind zu beklagen. Verantwortlich für diese Schweinerei ist unter anderen eine Firma aus Norddeutschland, die von einem Mann betrieben wird, der nicht nur mit Vieh handelt, sondern seinerzeit auch als Abgeordneter der CDU im niedersächsischen Landtag sitzt: Franz Röhrs. Pikanterweise ist der CDU-Politiker gleichzeitig Präsident des Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbundes.

Sein Landtagsmandat und seinen Posten beim Vieh- und Fleischhandelsbund hat Röhrs, der wegen seiner Kontakte zu den Republikanern zum Austritt aus der CDU gedrängt wurde, inzwischen verloren. Als Viehhandelskaufmann aber macht er weiterhin Geschäfte. Nach Ansicht Fockes hat sich trotz der öffentlichen Empörung kaum etwas an den skandalösen Mißständen beim internationalen Viehtransport geändert. Die Zahl der Schlachtrinder, die von Deutschland in sogenannte Drittländer exportiert wurden, ist von 97 000 im Jahre 1992 sogar auf knapp 140 000 im Folgejahr angestiegen.