Jede Kultur hat ihr bevorzugtes Kennwort für das, was den Menschen auszeichnet oder abhebt. Wir benennen uns nicht nur nach dem, was wir sind, sondern auch nach dem, was wir sein möchten. Das bevorzugte Kennwort heute ist: Identität. In den Vereinigten Staaten - aber auch anderswo - ersticken wir geradezu an Identität. Nicht nur an der Identität der anderen, auch an unserer eigenen. Könnte es sein, daß die allgemeine Mißstimmung in den USA tiefere Ursachen hat als Lektürelisten, Zulassungsrichtlinien und Quotenregelungen? Könnte es sein, daß wir uns vor anderen und vor uns selbst auf eine Weise präsentieren, die versimpelt, verzerrt und provoziert? Könnte es sein, daß wir einem groben, zänkischen Kennwort den Vorzug geben?

Die Idee der Identität entstammt natürlich der Logik. A ist gleich A. Damit wird Gleichheit behauptet, zugleich aber auch Differenz. Ein Gegenstand ist der gleiche wie alle Gegenstände, die so sind wie er, und er ist anders als alle Gegenstände, die nicht so sind wie er. Betrachten wir nun die Analogie zwischen der logischen und der gesellschaftlichen Beziehung. A ist gleich A. Die Frage "Was ist deine Identität?" lautet in Wirklichkeit: "Wem bist du gleich?". Mit anderen Worten, Identität ist ein Euphemismus für Konformität. In ihr bekundet sich das Verlangen, subsumiert zu werden, der Wunsch, in erster Linie durch ein gemeinsames Merkmal gekannt und erkannt zu werden. Ich sage "in erster Linie", denn Identität muß nicht vollkommen sein, damit sie Kraft entfalten kann. Logiker sprechen von einer "Identität in der Differenz". Gegenstände, die sich im Hinblick auf ein Identitätskriterium gleichen, können sich im Hinblick auf ein anderes unterscheiden. Und niemals gibt es nur ein einziges Identitätskriterium, auch bei den einfachsten Gegenständen nicht. Die Zuschreibung von Identität ergibt sich also aus einer Wahl zwischen Identitätskriterien. Wir haben viele Ebenbilder, aber nicht alle belohnen wir damit, daß wir ihnen Bedeutung verleihen.

A ist gleich A. Damit ist zugleich gesagt: A ist nicht gleich B. Was B kränken könnte. Es gibt jedoch einen Trost. Er lautet: B ist gleich B. Damit ist zugleich aber auch gesagt, daß B ist nicht gleich A. Was A kränken könnte. Identität ist in hohem Maße gesellschaftlich, aber nicht sehr gesellig. Denn die Definition des Individuums, die sich aus ihr ergibt, ist nicht zuletzt eine Negativdefinition, eine Definition nicht nur dessen, was einer ist, sondern auch dessen, was einer nicht ist; und eine solche Definition von Gleichsein wird von den anderen oft als Zurückweisung empfunden. Identität ist Isolation; eine Doktrin der Abkehr; sie feiert die Unüberwindlichkeit. Die schlechte Nachricht (für Demokraten: die gute Nachricht) lautet allerdings: Isolation ist nie vollständig. Die Grenzen sind durchlässig, und fremde Götter schlüpfen hin und her.

Es dauert nie lange, bis Identität zu Loyalität degradiert wird.

Zugehörigkeit ist keine Erfahrung. Sie ist Ersatz für eine Erfahrung. Wo der Gottesglaube abhanden gekommen ist, besteht immer noch die religiöse Identität. Wo das Bett kalt und leer ist, besteht immer noch die sexuelle Identität. Wo die Worte der Väter vergessen sind, besteht immer noch die ethnische Identität. Je schmächtiger die Identität, desto lauter gebärdet sie sich.

Das Schwierigste in Amerika: das, was man ist, leise sein. Private Identität ist ein Oxymoron, eine Verknüpfung sich widersprechender Wörter. Identität ist öffentlich; sie ist das, wodurch man gekannt und erkannt wird. Heimliche Identität dagegen ist durchaus möglich. In ihr spiegeln sich nicht innere, sondern äußere Realitäten. Heimliche Identität ist eine Überlebenslist, die typische Improvisation einer bedrohten Minderheit. Sie hat eine lange, dunkle Vergangenheit. Die Geschichte der Juden kennt viele Fälle ebenso verzweifelter wie würdevoller Selbstverhüllung, vor allem in Spanien während des 15. Jahrhunderts, die Geschichte der Homosexuellen ebenso. (Trotz aller Ängste der afrikanischen Amerikaner vor dem passing, dem "Verblassen", gehört zu den Härten, mit denen diese Minderheit zu kämpfen hat, auch die, daß sie ihre Identität nicht verbergen kann.)

Identität in schlechten Zeiten ist etwas anderes als Identität in guten Zeiten. Energische Bekundung von Identität angesichts von Unterdrückung ist nicht Narzißmus, sondern Heldentum. Und genau jene Merkmale der Identität, die einem in guten Zeiten auf die Nerven gehen können - das Martialische, das Pochen auf Solidarität, der Verzicht auf individuelle Entwicklung zugunsten der Entwicklung des Kollektivs, das Vertrauen, das sie in symbolisches Handeln setzt, der Glaube, daß die Welt schlecht und der Kampf ewig sei -, genau diese Merkmale sind die gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen für Widerstand. Aus diesem Grund wäre es unverschämt, die Kritik an der Identität Menschen vorzuhalten, deren Existenz bedroht ist. Dennoch, bisweilen kommt die Gerechtigkeit. Und wenn sie kommt, dann wirkt sie mitunter irritierend, weil sie Frieden anbietet, wo man sich eben auf Krieg eingestellt hat. Die Identität, die der Geschichte gestern eine neue Wendung gab, ist heute überflüssig. Die äußere Diskontinuität verlangt nach einer inneren Diskontinuität, nach einem Sprung. Wenn der Identitätsbruch nicht zustande kommt, wird es vielleicht Gerechtigkeit geben, aber keinen Frieden.