Seit die Schriftstellerin Margaret Mitchell 1949 ihr ruhmreiches Leben in einem Auto und zu Füßen eines Coca-Cola-Schildes aushauchte, gebricht es der Firma in Atlanta an Nachwuchs- Märtyrern. In letzter Zeit trat zudem ein gewisser Mangel an Gründen auf, sich für Coca-Cola in Stücke reißen zu lassen. Der freie Westen hat so durchschlagend gesiegt, daß kein Missionar mehr nach Osten ziehen muß, den gottlosen Heiden das Evangelium von Kohlensäure und allzuviel Zucker zu predigen. Kaum jedoch droht eine Absatzkrise, meldet sich der Feind. Der Ayatollah Ali Chamenei war so freundlich, das böse Cola in sein Freitagsgebet einzuschließen. Ein gotteslästerlicher Autor war grad nicht zur Hand, und so tat der Mullah das dekadente westliche Gesöff in Acht und religiösen Bann, verhängte - sapienti sat! - eine fatwa über das atheistische Getränk. "Alles, was die Arroganz der Welt und die zionistischen Kreise stärkt", also Coca-, Pepsi-, Diet-Cola und erst recht das als River Cola camouflierte Teufelszeug der Firma Aldi, ist, so der iranische Hermeneutiker, "haram", ein Verstoß gegen Allahs und seines Propheten Gebote, sollte ausgespuckt werden aus dem Munde eines jeglichen Rechtgläubigen oder besser erst gar nicht verkostet. Gefahr ist damit im Verzug, Gefahr nicht nur für Coca-Cola. Soeben erfahren wir, daß die US-Raumfähre Discovery mit, richtig, Coca-Cola ausgerüstet worden ist. Sollte wirklich ein heiliger Krieg ausbrechen, könnte es den Mullahs diesmal ziemlich naß und klebrig reingehen.

Aktenkunde Ach PEN, ach PEN-Präsident, liebe PEN-Brüder in Ost und West! Wie gerne würden wir Euch einfach mal vergessen, eine kleine PEN- Pause einlegen! Unmöglich. Hier der neueste PEN-Skandalbericht: Vor drei Jahren hat West-PEN-Präsident Gert Heidenreich in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung behauptet, er könne aus Stasi-Akten nichts lernen. Denn, soder Präsident, "aus den Akten lerne ich nur, daß Spitzel über Spitzel etwas aufgeschrieben haben". Woraus man schließen könnte, daß der Präsident die bespitzelten Stasi-Opfer für Spitzel hält. Diese Fahrlässigkeit ist in der Fülle der sonstigen Präsidenten-Phrasen damals nicht bemerkt worden. Günter Kunert hat sie aber unlängst in einem Artikel zitiert. Daraufhin bat PEN-Mitglied Reiner Kunze seinen Präsidenten um Aufklärung. Dieser stritt ab, Bespitzelte Spitzel genannt zu haben, und behauptete, das inkriminierte Zitat beziehe sich auf feste Mitarbeiter der Stasi und deren informelle Zuträger - von denen im gesamten Interview allerdings an keiner Stelle die Rede ist. Heidenreich versucht nicht als wahrer Präsident souverän zu vermitteln, sondern nennt im Gegenteil Kunzes wortgetreue Lesart "absurd" und beschuldigt sein PEN-Mitglied "einer absichtsvollen Verdrehung". Reiner Kunze tritt daraufhin aus dem PEN aus. Der Präsident läßt ihn ziehen und beklagt sich seinerseits am 26. Januar 1995 in seinem Münchner Hausblatt, man treibe mit ihm, dem Präsidenten, "ein tolles Spiel aus Unterstellungen und falschen Zitaten", zitiert dabei allerdings falsch, unterstellt und erfindet Kontexte, daß sich die Zeilen biegen. Gert Heidenreich, Meister des Wendesatzes, mit allen Waffen der Wortverdrehungskunst immer im Einsatz gegen die "geistige Verluderung der Republik" - unvergessen.

Rachid Mimouni Krankheit als Metapher: der algerische Romancier Rachid Mimouni starb am Sonntag, keine fünfzig Jahre alt, im Pariser Exil an einer Hepatitis. Das Gift, das seine Leber zerfraß, war die Gewalt. In Mimounis Heimat geht sie nicht vom Volke aus, sondern von den Moscheen und den Kasernen, der Barbarei der islamistischen "Bärtigen" und dem Terror von Staats wegen. Auch diesen glühenden Patrioten trieb die Gewalt schließlich ins Exil, nach Tanger und Paris. Ende 1993 hatten radikale Muslime die Tochter Mimounis mit dem Tode bedroht. Ein Jahr zuvor hatte der Professor für Ökonomie in sanfter Verzweiflung erzählt, daß die besten seiner Studenten längst alle Islamisten seien, enragés einer verlorenen Generation, die mit den Versprechen und Lügen eines Drittwelt-Sozialismus groß geworden waren. Wer Mimouni ganz lesen will, muß das auf französisch tun. Das gilt nicht nur für seine wenigen deutschen Anhänger, die mit den Übersetzungen von "Der Fluch", Roman um einen Brudermord, für den ihn die Islamische Heilsfront zum Tode verurteilte, oder der eiskalten Passionsgeschichte "Tombeza" diesen Autor spät und nur in Ausschnitten entdecken konnten. Es gilt vor allem für seine Landsleute. In Algerien haben Romane in Französisch ein größeres Publikum als in Arabisch, noch jedenfalls, bis der intellocide an Intellektuellen seine Wirkung zeigen wird.